Wir holen die Meisterschaft…

„…und den Europacup. Und den Pokal. Wenn nicht, ist’s auch egal.“ So hallte es – vor noch gar nicht allzu langer Zeit – durchs weite Rund des Berliner Olympiastadions. Es war die Zeit, in der Lucien Favre uns dem Traum einer Deutschen Meisterschaft ganz nahe brachte. Seitdem liegen ein verpatzter Abschluss jener Fast-Meistersaison, eine schlimme Abstiegs- und eine erfolgreiche Wiederaufstiegssaison mit Hertha BSC hinter uns. Und dennoch würde der eine oder andere Herthafan wohl sofort und ohne mit der Wimper zu zucken die im Fangesang angeführten „Saisonziele“ (Europacup mangels Möglichkeit mal ausgenommen) wieder in seinen persönlichen Saisonwunschzettel 2011/12 aufnehmen. Getreu des guten alten Mottos: „Berliner sind immer da, wo vorne ist“. Andere hingegen mahnen eher zur Zurückhaltung, was die Saisonerwartungen angeht. Am Ende eint alle zum jetzigen Zeitpunkt jedoch die eine Frage: Quo vadis Hertha BSC 2011/12?

Sympathisch zurückhaltend und fast schon bescheiden geben sich da die bisher allzu hohe Erwartungen dämpfenden Ansagen der aktuellen Vereinsführung. Manager Michael Preetz nutzt jede sich bietende Möglichkeit, darauf hinzuweisen, dass für einen Aufsteiger der Klassenerhalt das oberste Ziel sein müsse. Der Präsident seinerseits antwortet auf Fragen nach den diesjährigen Zielen im DFB-Pokal augenzwinkernd einfach mal mit „Nächste Frage!“. Der Trainer vermittelte in der letzten Saison zudem oft das nötige Maß an Zurückhaltung. Viele Dinge wurden, nach Meinung vieler, speziell in der letzten Saison, richtig gemacht. Die Bindung zu Berlin und den Berlinern wird wieder stärker. Hertha BSC setzt wieder auf den eigenen Nachwuchs und gibt Talenten eine Chance. Der Verein gewinnt über Berlin hinaus neue Konturen und vielleicht auch neue Freunde. Die Professionalisierung im Verein macht weiter Fortschritte und trotz nach wie vor bestehender ökonomischer Dellen ist das wirtschaftliche Überleben Herthas zZt. kein Topthema.

Vielmehr überraschte uns nun Markus Babbel während der laufenden Saisonvorbereitung daher mit Aussagen wie „Und diese Spiele (Auftakt gegen Nürnberg, in Hamburg und in Hannover) wollen wir alle gewinnen. Neun Punkte zum Start sind nicht nur mein Traum, sondern auch unser Ziel“ und  „Ich will den DFB-Pokal gewinnen, ganz klar“.

Das klingt zunächst ambitioniert und lässt vermuten, dass hier jemand das oft zitierte, ja fast schon sagenumwobene, bajuwarische Siegergen nun endlich auch in Berlin aktivieren will. Kann das aber funktionieren? Alle Beteiligten wissen, dass Fußball-Bundesliga kein Kinderkarrussell ist und arbeiten täglich für den Erfolg. Nicht zuletzt dafür quälen sie sich alle durch sechs Wochen Vorbereitungszeit und uns durch elendig quälende Vorbereitungsspiele. Das soll schließlich auch Früchte tragen. Markus Babbel möchte diesen Erfolg unbedingt nach Berlin bringen und erhöht mit seinen Aussagen für sich das Risiko. Das ist aller Ehren wert, in einer Welt, in der mehr und mehr unkonkrete Worthülsen abgesondert werden, um möglichst nicht angreifbar zu sein. Es passt auch zu ihm, weil er genau jenen geradlinigen Typen verkörpert. Die Grenze ist allerdings fließend. Misslingt der Saisonstart oder kommt gar ein frühes Ausscheiden im DFB-Pokal, werden schnell wieder die Bemerkungen über die „große Berliner Schnauze mit nichts dahinter“ die Runde machen. Eigentlich das, wovon man sich mit der aktuellen Vereinspolitik doch positiverweise etwas absetzen wollte.

Die Testspiele aus der Vorbereitungszeit geben wenig bis gar keinen Aufschluss für die kommende Spielzeit. Um es mal “nett” zu formulieren. Hinzu kommen schon erste Verletzungssorgen. Die erste Bewährungsprobe mit reduziertem Kader steht am morgigen Sonntag im DFB-Pokal an, wenn es wieder darum geht, sich möglichst nicht gegen einen unterklassigen Gegner zu blamieren. Und dass die Mannen vom ostthüringischen ZFC Meuselwitz, trotz aller oder gerade wegen der bestehenden Klassenunterschiede, daran interessiert sein werden, den Hauptstädtern ein Bein zu stellen, darf man getrost unterstellen. Was den Einstieg in die Bundesligasaison angeht, darf man ebenso gespannt sein. Hertha kommt momentan eher wie eine Wundertüte daher. Das muss zwar kein Nachteil sein, aber überbordende Erwartungen sind vielleicht eher nicht angebracht.

Bleibt also nur zu hoffen, dass der Saisoneinstieg „irgendwie“ gelingt und dass sich das bajuwarische Siegergen als kompatibel mit dem Berliner Genom-Komplex erweist. Und dass sich dabei schlussendlich schöne und gesunde Früchte als Ernte einfahren lassen, die im Sinne der Vorratshaltung ihre nachhaltige Wirkung entfalten. Viel Glück und viel Erfolg bei der Obsternte 2011/12, Hertha!