Dankeschön, auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal!

Ach ja, wie war die Vorfreude groß. Hertha zurück in der Bundesliga, Heimspiel am ersten Spieltag gegen Nürnberg vor großer Kulisse. Anpfiff 18.30 Uhr – wir sind wieder mit dabei, im Konzert der Großen. Und selbst das Wetter macht Pause von seinem vorauseilenden Herbstgehorsam. Feine Sache das. Da passt es irgendwie so gar nicht ins Konzept, dass der Club am Ende 0:1 gewinnt und die drei Punkte aus Berlin entführt. Art und Weise des Herthaspiels, sowie natürlich das Ergebnis drücken bereits nach nur einem (dem ersten!) Bundesligaspiel schon ordentlich aufs Gemüt – das hatte man sich wahrlich anders vorgestellt. Die Voraussetzungen also für ein schönes Wochenende (zumindest aus Herthasicht) sind schon mal nicht so gut. Aber was nun?

Nach dem Spiel, die S-Bahn-Rückfahrt vom Stadion verlief recht unentspannt und war geprägt von heftigen Fan-Diskussionen. Obendrein hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, meine Anschluss-S-Bahn mit dem inzwischen wohl von Herthatraining und Mitgliederversammlungen stadtbekannten rothaarigen Herthafan-Luder teilen zu dürfen. Beim Aussteigen hörte ich nur noch, wie ihr ein „Und den Gagelmann, den würde ich am liebsten vergiften“ entfuhr. Puh. Aber immerhin: Die S-Bahn fuhr. Ich überlege kurz, ob wenigstens dieser Umstand das Zeug hat, mir den Samstagabend zu retten. Komme aber schnell zu dem Schluss, dass das nicht ausreichen kann.

Zu Hause angekommen, umtreibt mich weiter diese innere Unruhe und Unzufriedenheit. Was war das, was ich da heute im Stadion erlebt habe? Ich kann es irgendwie immer noch nicht greifen. Das mediale Internet unterdessen produziert seine Schlagzeilen: „0:1 gegen den Club – Herthas Rückkehr misslingt völlig“ (Tagesspiegel). „Hart, Hertha, Pekhart: 0:1-Niederlage gegen den Club“ (hat irgendwie BILD-Niveau, stammt aber auch vom Tagesspiegel). „0:1 – Hertha verpatzt Start in die Bundesliga“ (titelt die Berliner Morgenpost).  Die B.Z. kommt gewohnt zur Sache: „0:1! Fehlstart für Hertha BSC“. Die Berliner Zeitung schreibt: „Hertha-Rückkehr missglückt: 0:1 gegen Nürnberg“.

Eigentlich, sage ich mir, ist es gar nicht gut, sich an den Computer zu setzen und das Negativerlebte jetzt „im Affekt“ analytisch in der Schriftform zu bearbeiten. Das kann doch nicht gut gehen. Und überhaupt: Was soll das bringen? Kann man nach dem ersten Spiel gleich sichere Schlüsse auf den weiteren Saisonverlauf ziehen oder gar den Kopf des Trainers fordern? Und helfen all diese Dinge dabei, dass man selbst wieder „gut drauf“ kommt, nach so einem Spiel? Ich schalte den Fernseher ein. Zappe durch die Programme. Die Videotext-Meldungen deprimieren weiter: „Hertha verpatzt Bundesliga-Comeback“ oder „Nürnberg siegt in Berlin“. Nervig.

In meiner Verzweiflung bleibe ich in der ARD, beim Kollektiv der Untoten hängen: Es ist „Musikantenstadl“. Mit Andy Borg der Sonne entgegen. Da will ich dabei sein. Es spielen, singen, tanzen die Höllenstoaner mit Tuxer Schuhplattler oder so. Seltsam fasziniert davon, verweile ich -  ja, darf man es wirklich zugeben? – bei diesem galaktischen Zentrum der guten Laune. Aber: Bewegung und Spielfreude ist das, was ich dort zu sehen bekomme (und andernorts zwei Stunden zuvor so schmählich vermisste). Und Zuschauer, die gut drauf sind und Spaß haben. Man tanzt auf den Tischen und singt „ein Prosit“ nach dem anderen. Irgendwie packt auch mich jetzt der „Stadl-flow“ und zaubert mir ein seltsam debiles Grinsen ins Gesicht. Ja, so eine Hertha-Niederlage ist doch gar nicht so schlimm.

Überzeugt davon, dass ich per Zufall das Geheimrezept gefunden habe, nach einem besch…eidenen Fußballspiel wieder „gut drauf“ zu kommen, entscheide ich, dieses schnell aufzuschreiben und meine unfreiwillige Selbstversuchserkenntnis den blau-weißen Leidensgenossen allüberall mitzuteilen: Geht’s Euch schlecht nach einer Hertha-Niederlage – schaut Musikantenstadl! Und alles ist wieder gut.

Unvorhergesehenerweise bringen mich die ARD-Programmplaner dann im Anschluss an den Stadl noch auf eine weitere Idee zur individuellen Frustbewältigung: Am Abend läuft der Arnold-Schwarzenegger-Klassiker „Total Recall“. Das wär’s doch! Ich lasse mir, wie der Protagonist im Film, künstliche Erinnerungen einpflanzen und erlebe künftig einfach nur noch Herthaspiele wie ich sie mir vorstelle bzw. träume (was wohl die richtigere Wortwahl wäre…). Klasse. Genauso wie Arnie würde ich bei der Recall-Agentur zusätzlich noch das Paket „Ego-Trip“ buchen und in den Herthaspielen dann als Schiedsrichter agieren. Das sind doch mal Aussichten. Da steigt die Laune.

Alles wieder gut! Hertha hat verloren, na und? Ich rufe allen Betrübten und Deprimierten frohen Mutes ein „Kopf hoch!“ zu und möchte diesen Beitrag mit den Worten meines neuen Stadl-Freundes Andy Borg schließen: „Ich sage Dankeschön und auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal“. Wenn es wieder heißt: Der Sonne entgegen…