Besuch

Es klopft an der Haustür. Ich öffne sie. Siehe da – das Abstiegsgespenst.
„Donnerwetter“, sage ich zu ihm und bitte es herein, „Du bist aber früh unterwegs in dieser Saison. Kaffee?“
„Ein bisschen Gebäck wäre auch nett.“, antwortet es.
Bei Kaffee und selbstgebackenen Keksen setzen wir unsere Unterhaltung fort.
„Du siehst blass aus“, sage ich zum Abstiegsgespenst.
„Das Berliner Nachtleben nimmt mich mit.“, beschwert sich das Abstiegsgespenst.
„Das ging dem Ebert auch mal so. Wieso überhaupt Berlin?“, frage ich.
„Was für eine dumme Frage.“, antwortet es ruppig.
„Hast Du eigentlich einen Namen?“, frage ich.
„Du darfst mich Paul nennen. Aber tratsche das nicht rum!“
„Wie der Krake?“
„Wie der tote Krake.“, bestätigt Paul.
„Also – wieso Berlin?“, bohre ich nach.
„Du gehst doch regelmäßig zu Hertha, oder?“
„Aber nur zu den Heimspielen.“, bestätige ich. „Die Auswärtsspiele verfolge ich in der Glotze.“
„Aber Du unterhältst Dich im Stadion und in der Kneipe mit anderen und liest Zeitungen, oder?“ fragt das Abstiegsgespenst kopfschüttelnd.
„Ja, aber Hertha hat doch erst zwei Spiele in dieser Saison gemacht. Es gab zwar nur insgesamt einen Punkt, aber das ist doch noch lange kein Grund, dass Du jetzt schon Berlin unsicher machst.“, behaupte ich.
„Was meinst Du eigentlich, wie es mir geht?! Meine Planung sah für diese Saison wie folgt aus: ein ausgedehnter Urlaub nach der Relegation, dann die Unterlagen von letzter Saison aufarbeiten, ein bisschen Ordnung in den ganzen Bürokram bringen. Einige Spiele besuchen, mal schauen, wo der erste Trainer fliegt, bei welchem Verein das erste Mal das Wort Krise in den Mund genommen wird, um dann eine gezielte Reiseplanung zu machen. Hast Du noch mehr von den Keksen?“
Ich hole noch etwas Nachschub.
„Erzähl weiter.“, fordere ich das Abstiegsgespenst auf.
„Dortmund, Schalke, Leverkusen. Das sollten die ersten Vereine sein, bei denen ich mal vorbeigeschaut hätte.“
„Von denen steigt doch keiner ab.“, behaupte ich.
 „Nein, selbstverständlich nicht. Deshalb schaue ich mir solche Vereine ja auch als erstes an. Die sehe ich in dieser Saison nie wieder. Außerdem muss ich auch ein wenig darauf achten, dass meine Reisekosten nicht explodieren.“
„Musst Du die selbst tragen?“, frage ich interessiert.
„Den Großteil schon. Die Sponsorensuche gestaltet sich jedes Jahr schwieriger.“
„Du hast Sponsoren?“
„Zwei. Dazu kommen ein paar Groschen von der DFL. Mein Auskommen habe ich durch die Fernsehgelder.“
„Aber man sieht Dich doch nie.“
„Aber die Leute wissen, dass ich da bin – und das reicht. Loch Ness hat auch nie einer gesehen und die Leute rennen trotzdem zum See.“
„Warum also jetzt schon Berlin?“
„Schau Dir doch mal an, wie die Leute nach nur Eurer Heimspiel-Niederlage reagierten. Ihr seid gerade aufgestiegen. Alles ist so gelaufen, wie Ihr Euch das vorgestellt habt. Der Aufstieg war niemals ernsthaft gefährdet. Dann verliert Hertha das erste Spiel. Schon wird der Trainer infrage gestellt. In den Zeitungen und Blogs, die sich mit Hertha beschäftigen, werden Horrorszenarien entworfen und bereits vom sofortigen Wiederabstieg gesprochen. Nach nur einem Spiel. Dabei hätte allen klar sein müssen, dass es nur um den Klassenerhalt gehen würde. Aber offensichtlich haben einige insgeheim von deutlich mehr geträumt.“, fasst das Abstiegsgespenst zusammen.
„Es war deprimierend. Hertha hatte im ersten Spiel keine Torchance. Da werden einige unruhig. Aber gegen den HSV war es doch ganz ordentlich.“, sage ich.
„Das erste Spiel ist immer das schwerste.“, sagt das Abstiegsgespenst.
„Das nächste Spiel ist immer das Schwerste.“, korrigiere ich.
„Da! Du feuerst diesen Negativtrend auch an. Ihr habt in Hamburg immerhin einen Punkt geholt.“
„Ist ja gut. Ich bin noch ganz locker und schiebe keine Panik. Noch Kaffee?“
„Nein danke. Ich muss mich auf den nächsten Spieltag vorbereiten.“
“Wo geht’s denn diesmal hin – Köln?“, frage ich interessiert.
„Hast Du mir nicht zugehört? Nach Hannover. Oder wo sonst spielt Hertha?“
„Verzieh‘  Dich – Du verbreitest schlechte Stimmung.“
„Sag das den Berlinern.“, sagte das Abstiegsgespenst.