Dialog der Karibik (Teil 3) –
Piraten der Weltmeere oder Stern- und Kreisschiffahrt?

Über Hertha spricht man wieder. Und was viel schöner ist: Man spricht bei Hertha BSC tatsächlich auch miteinander. Verein und Mitglieder im gegenseitigen Frage-Antwortspiel zu aktuellen Themen rund um den Verein. Das Ganze nennt sich dann „Hertha im Dialog“ und fand am Abend des 14.11.2011 nun schon zum dritten Mal statt. Die Premiere gab es zum Ende der Abstiegssaison 2009/10, um den ganz großen Druck aus dem Hertha-Frustkessel abzulassen. Ganz nebenbei hat man aber  auch erkannt, dass ein Miteinanderreden dem Verein insgesamt gut bekommt und Ausdruck einer neuen gelebten Vereinskultur ist. Feine Sache also, sich mal abseits des wochenendlichen Bundesligaschehens miteinander in den Gesprächs-Clinch zu begeben. Nur, am Ende der Veranstaltung konnte man sich doch nicht so ganz sicher sein: Erobert Hertha künftig die Seewelt wieder mit der guten alten Dampfmaschine? Oder segelt man doch eher unter der Piratenflagge?

Aber der Reihe nach. Zunächst ein mal der Blick aufs Wesentliche: Das Catering. Die Kegelabteilung des Fußballvereins hat anlässlich der Dialogveranstaltung wieder opulent aufgefahren und zu Erbsensuppe, Kartoffelsalat und Würstchen geladen. Das muss man denen lassen: Das können sie einfach. Gepaart mit den entsprechenden Freigetränke-Bons, kommt man als Berliner „schon janz jut“ durch so einen Abend. Da kommt dann auch Schuss. Tor. Hinein! nicht umhin, mal ein wohlwollendes Dankeschön und „Chapeau, an die Damen und Herren Kegler und –innen bei Hertha BSC“ auszusprechen.

Was dann die eigentliche Veranstaltung „Hertha im Dialog“ (Teil 3) angeht, fühlte es sich leider schon so an wie der dritte Teil vom „Fluch der Karibik“ um Captain Jack Sparrow. Der Zauber war irgendwie verflogen. Die Hauptdarsteller agierten routiniert und ohne große Verve. Preetz und Gegenbauer arbeiteten im Zusammenspiel mit Moderator Axel Kruse die seit Wochen bekannten Standards ab und wurden nie richtig substanziell. Ob nun zur Vertragsverlängerung mit Babbel, die weitere Perspektive von Spielern wie Aerts, Janker und Ebert oder die mangelnden Einsatzzeiten der Hertha-Jugendspieler. Finanzfragen oder Fragen zu Herthas Entschuldungsplan für die Zukunft wurden gleich gar nicht diskutiert. Dafür ließ der Präsident den Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller urlaubsbedingt für die Veranstaltung entschuldigen. Da es in der aus 350 Teilnehmern bestehenden Mitgliederbasis aber offensichtlich auch überhaupt keinen Informationsbedarf gab, fiel dieses Thema einfach mal komplett unter den Tisch. Man wundert sich da schon etwas.

Stattdessen wurde ersatzweise das Mitglied der Geschäftsführung Tom Herrich auf dem Podium präsentiert. Dieser erwiderte auf diverse Nachfragen wie z.B. zur Einlasspolitik bei Heimspielen, Getränkegrößen etc. dermaßen oft „da kann ich jetzt nichts zu sagen“ oder „das nehmen wir als Anregung gerne mit, aber da sind wir auch bereits dran“, dass sich einem als Teilnehmer schnell der Eindruck aufdrängte: Äh, die sind da wahrscheinlich an reinweg gar nichts dran. Und mitnehmen wollen sie auch nichts. Wo käme man denn da hin, wenn hier die Mitglieder noch die Agenda bestimmten. Vielmehr waberte einem als Beobachter der Veranstaltung da schon wieder so etwas wie „business as usual“ bei Hertha BSC entgegen. Und man möchte ihnen zurufen: „Wehret den Anfängen!“

Bemerkenswert allenfalls waren dann tatsächlich zwei Aspekte: Hertha BSC bemüht sich um den alten Gründungsdampfer „Hertha“, der zZt. irgendwo im Brandenburgischen vor sich hin gammelt und von seinem Besitzer für am liebsten sehr viel Geld an Hertha BSC abzugeben wäre. Der Verein will noch verhandeln und die Basis sehnt sich nach ihrem traditionsreichen Selbstbausatz nach Unioner Stadionvorbild. Motto: „Wenn nicht genug Geld da ist, machen wir eben eine Spendenaktion und renovieren den Dampfer selbst“. Am Ende sympathisierte der Präsident dann noch mit der Idee, aus dem alten Schiff vielleicht lieber nur eine Kneipe zu machen als es wieder dem Mühsal des regulären Schiffsverkehrs auf Havel und Spree anheim zu geben. Für diesen einen Moment wurde dann deutlich: Die Piraten der Weltmeere sind an diesem Abend im ICC nicht zu Gast.

Beim zweiten noch erwähnenswerten Aspekt aber war man sich dann wieder nicht so ganz sicher, ob nicht doch noch gleich die „Black Pearl“ um die Ecke segelt. Denn der Präsident hisste die Piratenflagge und hatte noch eine markige Ansage fürs geschätzte Auditorium parat: „Der Fanshop am Europacenter soll kein Kooperationsfanshop mit ALBA und den Eisbären werden!“, verbunden mit dem sinngemäßen Hinweis: „Und das sei auch richtig so!“ – Applaus bei einigen anwesenden Teilnehmern, verwundertes Augenreiben bei einigen anderen. Der Verein also, dessen Verantwortliche vor ein paar Minuten noch den grandiosen Erfolg der Berliner Kieztour („Wir wollen in ganz Berlin ankommen!“) beschworen und von deren unbedingten Fortführung sprachen, verweigert sich also an der Stelle dem gesamtberliner Sportmetropolenkontext. Aber warum eigentlich? Was wäre so schlimm, an einem Kooperations-Fanshop mit z.B. ALBA und den Eisbären – zwei sehr erfolgreichen Teams aus Berlin? Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich, dass hier auf einmal so etwas Prinzipielles statuiert wurde. Aber wie schon erwähnt, man muss nicht alles verstehen im blau-weißen Universum. Und kann nur hoffen, dass die Herthaner nicht wieder beginnen, ihr eigenes Süppchen zu kochen. Dann ist wohl wieder schnell Schluss, mit Hauptstadtverein.

Was nimmt man also mit, vom dritten Teil „Hertha im Dialog“? Essen gut, alles gut? Oder: Mehr Dampf- als Piratenschiff? Was jedenfalls auffiel: Der Verein ist wieder in der ersten Liga angekommen. Und dem eigenen Selbstverständnis nach, natürlich auch völlig zu recht. Insofern erfährt Hertha BSC derzeit die gewünschte „Normalität“. Wenig Aufregung, aber (leider) auch schon wieder Ansätze von alten Verhaltensmustern. Nach Ab- und Aufstieg konnte man meinen, sie hätten bei Hertha endlich einen funktionierenden Kompass gefunden, der dem Verein den richtigen Weg in die Zukunft weist. Nach dieser „Hertha im Dialog“-Veranstaltung muss man hoffen, dass es nicht doch der Piraten-Kompass aus „Fluch der Karibik“ ist – dieser zeigt ja bekanntlich nur in Richtung des vom Kompassträger meistgewünschten Objektes. Na denn.