Die neue Macht von der Spree

Siegestrunken und vor Freude taumelnd feiert der Herthafan die am vergangenen Wochenende zu Ende gegangene Negativserie von zwölf sieglosen Spielen und zuletzt sieben verlorenen Pflichtspielen in Folge. Das 1:0 gegen Werder Bremen, ein wahrer Balsam auf die wiederholt arg geschundene Herthaseele. Die Parallelen zur (gefühlt) erst kürzlich erlebten Abstiegssaison 2009/10 zu offensichtlich. Über das „wie“ dieses Sieges muss man nicht ernsthaft diskutieren, Hauptsache, erst mal den freien Fall stoppen. Und man muss schon feststellen: Es war vielleicht auch nicht der aller falscheste Zeitpunkt für einen Sieg. Aber, wir bei Schuss. Tor. Hinein! wären nicht wir, wenn wir jetzt einfach nur im allgemeinen Jubel mit schwimmen würden und zur Tagesordnung übergingen. Nein, wir sind wieder einer unglaublichen Story in Berlin auf der Spur – und erwarten 2012 bereits den nächsten großen Coup von Hertha BSC!

„Nächster großer Coup? Klar doch, Mädels, Auswärtssieg in Kölle!“ hämmert es da vermutlich sofort durch die von freudiger Erregung geweiteten Hirnkrusten unserer aufmerksamen Leser/innen und in der Vielzahl vermutlich Hertha-Sympathisanten/innen. Jaaa, wenn’s so einfach wäre… aber der Reihe nach. Da sitzen nun, tagein, tagaus, Heerscharen von vorzugsweise aus Westdeutschland importierten Sport-Journalisten auf den Furzkissen in ihren Berliner Redaktionsbüros und modellieren fleißig am Skandalnudel-Image von Hertha BSC (ach nein, Entschuldigung, das ist ja die Arbeitsweise hier bei uns in der Redaktion). Noch mal von vorn: Während also unser aller Lieblings-Hauptstadtclub langsam aber stetig immer mehr so wird und spielt, wie wir in Berlin gerne auch mal die Regionen bezeichnen, aus denen so gemeinhin die Damen und Herren „journalistische Hertha-Sachbearbeiter/innen“ herstammen, gibt es wenigstens noch uns: Ein kleines gallisc… totaler Quatsch! Was wir eigentlich sagen wollen: Merkt denn mal wieder keiner, was sich da draußen gerade zusammenbraut? Mittlerweile nämlich schon so dermaßen offenkundig, dass wir uns wirklich langsam fragen wie es in dieser Stadt zu diesem abermals kollektiven Wegschauen, ja diesem Kartell des bewussten Augenverschließens kommen kann.

Hier die Fakten: Da wählt also am 18. März u.a. unser Trainer, Otto Rehagel, den neuen Bundespräsidenten mit. Auf Vorschlag der Berliner CDU hin. Klaus Wowereit (SPD) und Otto Schilly (SPD) sehen wir regelmäßig als „Chef-Hertha-Fans“ auf der Ehrentribüne des Berliner Olympiastadions. Jürgen Trittin (BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN) äußert sich neuerdings aktiv und (wie er findet) fachkundig zu den Managementqualitäten bei Hertha BSC sowie sein Bedauern, dass sein alter Spezi aus Bremer Tagen Otto Rehagel sich in seinem Alter noch Hertha BSC antun müsse. Ihm zur Seite springt Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer (BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN) und fordert vom Hertha-Management, einen “sportlichen und finanziellen Fünfjahresplan aufzustellen”. Last but not least gibt Otto Rehagel auf der Pressekonferenz nach dem Bremenspiel bekannt: „Morgen Abend sind Beate und ich beim Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) zum Abendessen eingeladen und darauf freuen wir uns.“

Ja, hallo? Jetzt aber mal langsam aufwachen und die manifeste Bräsigkeit ablegen, liebe Journalisten in Berlin!!!

Spätestens jetzt müssen doch wirklich auch beim allerletzten Realitätsverweigerer die Alarmglocken schrillen. Kann schließlich nicht sein, dass kein Mensch etwas mit bekommt bzw. auch nur den Hauch einer Ahnung hat, was da bei Hertha BSC plötzlich wieder vor sich geht. Aber: Vermutlich hat Michael Preetz doch mehr vom Vorgänger gelernt als wir alle bisher immer glaubten. Nur ganz zufällig sind wir nämlich bei unseren Recherchen darauf gestoßen, was gerade anläuft und mussten uns selbst verdutzt die Augen reiben. Also, anschnallen und festhalten: Nach der im Jahr 2002 gegründeten Hertha BSC Kommanditgesellschaft mit beschränkter Haftung auf Aktien (Hertha BSC GmbH & Co KGaA), plant der Lange nach der überraschenden Verpflichtung Otto Rehagels als Trainer nun im Jahr 2012 die Gründung der „Hertha BSC Partei“ für den Deutschen Bundestag! Wahnsinn.

Oder aber auch: Was für ein hanebüchener Irrsinn, wird sich da so mancher denken. Und: „Ihr bei Schuss. Tor. Hinein! habt doch nicht mehr alle Latten am Zaun!“ – aber, wenn man es richtig und in Ruhe durchdenkt, ist es einfach wieder nur genial. Es passt alles. Michael Preetz hat sich gesagt, Schluss jetzt mit den ganzen halben Sachen hier in Berlin und „Don’t be a MayBe!“. Jetzt wird mal richtig „gemacht“.

Hertha BSC als Partei im Deutschen Bundestag und der als Parteisekretär angeheuerte Otto Rehagel bereitet schon von der ersten Hertha-Sekunde an konsequent das politische Feld. All seine Kontakte, all die jahrelang aufgebauten Netzwerke werden aktiviert, um die neue politische Idee „Hertha BSC“ salonfähig zu machen und in den öffentlichen Diskurs zu tragen. Und wie wir aktuell sehen, es funktioniert wunderbar. Nur werden wir dann künftig Streitdebatten wie wir sie kürzlich zwischen Jürgen Trittin und dem Herthapräsidenten Werner Gegenbauer erlebten, nicht mehr schmutzig über die Medien ausgetragen sehen, sondern mit offenen Visier, von Angesicht zu Angesicht, im Deutschen Bundestag. Das wird offene Kommunikation in bester demokratisch gelebter Tradition – kein verordnetes Fressehalten.

Aber was viel wichtiger ist: Ist Hertha BSC erst mal im Deutschen Bundestag vertreten, gibt es neue Optionen! Machtoptionen. Keine Mauscheleien mehr um die Fleischtöpfe der TV-Gelder zwischen der Süd-Connection und DFB/DFL, nein, dann wird das ganze Konstrukt mal ordentlich und neu aufgezogen, aber zu Gunsten von Hertha BSC. Einfach, weil man die politische Macht hat und sich keine Vorschriften mehr machen lassen muss. Nein, man macht die Vorschriften ab sofort einfach selbst! Alle dachten, Dortmunds Börsengang sei innovativ gewesen? Alle denken, das Modell Bayern München sei das non-plus-ultra? Alle reden vom Weltuntergang 2012? Wir bei Schuss. Tor. Hinein! entdecken gerade: Hier in Berlin gibt es den eigentlich  großen Knall! Hier ist es wahrhaft revolutionär, nur hier wird wirklich neu und groß gedacht. Mit einem aufgehenden Stern an Deutschlands Politikhimmel. Ha-Ho-He erschallt es bald durch Deutschlands Parteizentralen.

Wer jetzt, sagen wir mal, noch nicht vollends überzeugt ist und seine Stirn weiter in Runzeln legt, dem rufen wir ein verächtliches „Du Ungläubiger!“ zu. Müssen wir tatsächlich für alles und immer objektive Beweise erbringen? Natürlich lassen wir uns auch an dieser Stelle nicht lumpen und erwähnen in dem Zusammenhang gerne auch noch mal das Stichwort „5%-Hürde“. Klingelt es jetzt wenigstens bei dem einen oder anderen? Genau. Otto Rehagels Mission lautet von Beginn an überhaupt nicht „Abstiegskampf“ oder „Abstieg verhindern“, sondern zielt genau in die Gegenrichtung: Aufstieg schaffen! Nämlich in einem ersten Schritt die wichtige 5%-Hürde für Parteien in Deutschland zu nehmen, um ins Parlament einzuziehen. Es ist alles haarklein geplant und durchdacht. Und uns tumben Fußballfans wird dieses Geheimziel symbolhaft geschickt und immer hübsch plakativ mit „Platz 15“ verkauft. Das ist einfach und versteht jeder und in Berlin denkt ja auch keiner weiter darüber nach. Aber jetzt ist es raus und wir können hier verkünden: Die Berliner Fußball-Illuminaten im Management bei Hertha BSC sind enttarnt, deren Machtstrategie offen gelegt wie die S-Bahn-Verträge…

Zugegeben, was wir bisher noch nicht entdecken konnten, war eine Strategie zur Machtergreifung von drei Punkten in Köln.