Offener Brief zum Abschluss der Saison 2011/12 von Hertha BSC

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Herthafans und Herthamitglieder,

wir befinden uns am Ende einer Saison, von der man wohl annehmen kann, dass sie in die Fußballgeschichte eingehen wird. Als frisch gebackener Aufsteiger aus der zweiten Liga, ist unser Verein Hertha BSC mit dem Saisonziel „Nichtabstieg“ gestartet. Nach der für einen Aufsteiger durchaus passablen Hinrunde mit 20 Punkten, gab es Ende 2011 mit der Trainerentlassung von Markus Babbel einen sichtbaren Bruch im Hertha-Saisonkontinuum. Was folgte, war eine der schlechtesten Hertha-Rückrunden aller Zeiten, mit weiteren zahlreichen Unruheherden: Erneute Trainerwechsel, Kritik am Management und Präsidium und einem unrühmlichen Relegationsfinale mit Verhandlungen am „grünen Tisch“. Mit derzeit zwar eher ungewissem Ausgang, wenngleich wir weiterhin das Schlimmste befürchten müssen. In jedem Fall klar ist, dass sich der Verein bzgl. seines  ausgegebenen Saisonszieles am Ende nicht mit Ruhm bekleckert haben wird. Um es vorsichtig zu formulieren.

Vor uns liegen nun „Hertha im Dialog“ (24.5.) und eine Mitgliederversammlung (29.5.), wo man stark von ausgehen kann, dass es heftige Diskussionen geben wird. Wir gehen später auf das Thema ein.

Geht man nun zunächst in die Analyse nach den Ursachen dieses Saisonverlaufs, wird man nicht umhin kommen, die folgenden drei Bereiche, die naturgemäß auch untereinander in Beziehung stehen, intensiver zu beleuchten:

  • Trainerwechsel
  • Management/Präsidium
  • Mannschaft

1. Trainerwechsel

Nach dem Bundesligaabstieg vor zwei Jahren, wurde mit Markus Babbel zeitnah eine für Berlin attraktive Trainerlösung gefunden. Dieser Trainer stand für Dynamik, für Jugendlichkeit und für Aufbruch. Aspekte, die wie Balsam auf die geschundene Herthaabstiegsseele wirkten. Das Projekt Wiederaufstieg glückte und Hertha BSC gelang anschließend mit dem Trainerteam auch ein ordentlicher Wiedereinstieg in die erste Bundesliga. Über allem ragte aber immer der große Schatten „Vertragsverlängerung“. Trainer und Verein konnten oder wollten sich letztlich nicht über eine vorzeitige Vertragsverlängerung verständigen. Am letzten Hinrundenspieltag kulminiert das alles in einer offenen, über die Medien ausgetragenen und unwürdigen Schlammschlacht mit gegenseitigen Lügenbezichtigungen zwischen Trainer und Manager Michael Preetz, an deren Ende fast zwangsläufig die erste Trainerentlassung der Saison bei Hertha BSC stehen musste. Da man unterstellen kann, dass die Mannschaft zu ihrem Aufstiegstrainer ein besonderes Verhältnis pflegte und daraus einen Gutteil ihrer Motivation bezog, liegt der Schluss nahe, dass in dieser Zeit ein erster größerer Bruch im Leistungsvermögen entstanden ist. Bei der Bewertung des Vorgangs als solchem aber, wird man auch zu dem Schluss kommen müssen, dass der Verein diese Entlassung vornehmen musste, weil es nicht sein kann, dass ein Angestellter (der Trainer) seinen Vorgesetzten (den Manager) in der Öffentlichkeit als Lügner bezeichnet. Auf sämtliche kolportierten Gerüchte, warum genau es nun letztlich wirklich zu der Trennung gekommen ist, wollen wir an dieser Stelle nicht eingehen. Sollte sich aber heraus stellen, dass Manager Michael Preetz in dieser Frage schuldhaft gegenüber dem Verein gehandelt hat, fordern wir in der Tat auch direkt persönliche Konsequenzen.

Zu Michael Skibbe, der dann in Nachfolge Markus Babbels und mit dem Start des Rückrundentrainings seine Arbeit aufnahm, gab es von vornherein sehr ambivalente Einlassungen seitens der Öffentlichkeit. Das ganze Spektrum an Meinungen trat hierbei zu Tage, von „schlechte Erfahrungen aus Frankfurt“ über „kompetenter und erfahrener Trainer“ bis hin zu „in der Winterpause kriegst Du halt keinen besseren“. Zweifel und Hoffnungen bzgl. dieser Trainerentscheidung waren also voll vertreten.

Als Skibbe mit der Mannschaft dann einen sehr schlechten Start zum Rückrundenauftakt in Nürnberg hinlegte und mit dem Team letztlich fünf Niederlagen in Folge einfuhr, wurden viele Vorbehalte der Öffentlichkeit leider bestätigt. Dabei war nicht alles grundweg schlecht, aber Mannschaftsinterna, die durch Spieler plötzlich öffentlich wurden, deuteten an, dass die Chemie zwischen Trainer und Mannschaft nicht stimmte. Der Trainer fand nicht den richtigen Zugang zum Team. In der Konsequenz der Bewertung wird man folgerichtig zu dem Urteil kommen können, dass auch diese Korrektur in Form einer neuerlichen Trainerentlassung richtig war. Fakt ist aber, dass dieses kurze Trainerintermezzo rückblickend natürlich nicht zur Ruhe und zur Konzentration im Verein beitrug. Michael Skibbe seinerseits muss sich aber die kritische Frage gefallen lassen, wie es möglich sein kann, dass seine Mannschaft mit einem derart leblosen, ja nahezu toten Auftritt gegen Nürnberg in die Rückrunde startet? Haben da wirklich alle gewusst, worum es für Hertha in der Rückrunde gehen würde? Hier bestehen unsererseits leider erhebliche Zweifel.

Die Verpflichtung Otto Rehagels als dritten Cheftrainer in der Saison kann man getrost als Coup bezeichnen. Ihn hatte in Berlin wahrlich niemand auf der Rechnung. Es war der Einstieg in eine Rettungsmission wie sie halt in der Bundesliga mitunter typisch ist. Mit viel Hoffnung verbunden, aber auch ohne Gewissheit auf Erfolg. König Otto kann man hierbei noch am wenigsten Vorwürfe machen. Er hat mit seinen beiden Assistenten solide Arbeit geleistet und er selbst wird zwischenzeitlich eher überraschend zur Kenntnis genommen haben, worauf genau er sich eigentlich bei dieser „mission impossible“ in Berlin eingelassen hat. In der Beurteilung kommt man zu dem Schluss, dass es vermutlich besser gewesen wäre, dass, wenn man ihn schon als Trainerlösung ins Kalkül zieht, das hätte vielleicht viel früher passieren müssen. Und zum Ende hat er es immerhin wenigstens geschafft, Hertha auf den Relegationsplatz zu retten, was nach den zahlreichen Spielen zuvor schon kaum mehr einer für möglich gehalten hätte.

Betrachtet man die „Hertha-Trainerposse“ dieser Saison in der Gesamtschau, kommt man in jedem Einzelfall zu nachvollziehbaren Argumenten, warum es richtig war so zu handeln, wie gehandelt wurde. Anderseits bleibt festzuhalten, dass die vielen Wechsel auf der wichtigen Position des Herthatrainers nun mal nicht zur Kontinuität und Stabilität des Fußballbundesligisten beigetragen haben. Daraus leitet sich für uns auch automatisch die Frage ab, ob in Krisenzeiten ein Trainerwechsel tatsächlich ein Allheilmittel ist? Der Verein Hertha BSC sollte darüber gründlich und selbstkritisch nachdenken! Eine pauschal gültige Handlungsmaxime gibt es aber auch hier nicht. Und der Manager hat auch bereits zu verstehen gegeben, dass er auf diesem Terrain mit den bisherigen „Erfolgen“ seiner Arbeit unzufrieden ist. Die Frage, die wir uns aber auch stellen müssen: Inwiefern kann ein Verein wie Hertha BSC, in diesem extremen medialen Umfeld, überhaupt noch richtig autarke Entscheidungen treffen? Und gerade die Position des Trainers ist eine so exponierte, dass sie nahezu zwangsläufig immer auch Bestandteil der öffentlichen Diskussion ist.

2. Management/Präsidium

Mit dem fehlenden Erfolg der Mannschaft von Hertha BSC, rückten natürlich auch zunehmend der verantwortliche Geschäftsführer Sport, Michael Preetz, sowie der Vereinspräsident Werner Gegenbauer ins Zentrum der Kritik. In immer kürzer werdenden Abständen wurde und wird ihre Demission verlangt, weil sie unmittelbar für den neuerlichen sportlichen Niedergang verantwortlich gemacht werden. Wir möchten hier nicht einfach nur in dasselbe Horn stoßen und unsere zweifelsohne auch vorhandene Enttäuschung über den beschämenden Saisonverlauf mit der Forderung „nach rollenden Köpfen“ kompensieren, sondern grundsätzlich in Frage stellen: Kann ein Management bzw. ein Präsident überhaupt unmittelbar verantwortlich für einen Saisonverlauf sein? Inwieweit kann man von diesen Personen tatsächlich erwarten, dass sie mit ihren Entscheidungen zu einem Zeitpunkt X vor einem Saisonstart und vor Ablauf von 34 Spieltagen ein definiertes Saisonziel garantieren können? Ist es, gerade im sehr tagesgeschäftgeprägten Bereich Profifußball realistisch, derartige Ansprüche an die sportliche Führung zu haben? Hierbei werden immer gerne Querverweise zu Unternehmensführungen in der Privatwirtschaft bemüht, wo Führungskräfte auch unmittelbar für die gesteckten Arbeitsziele verantwortlich seien. Wir finden, dass dieser Vergleich hinkt, weil er außer Acht lässt, dass es im Profifußball eine Vielzahl von Faktoren – auch externe – wie z.B. Spielerverletzungen, Öffentlichkeit/Medien, Erfolgs-/Misserfolgsdynamiken etc. gibt, die während einer Saison auf das definierte Saisonziel einwirken. Und die für eine sportliche Leitung nicht zwingend und lange Zeit vorhersehbar sind.

Kritik an der sportlichen Führung bei Hertha BSC kommt aber trotzdem auch von unserer Seite. Denn, Manager und Präsident können schon durchaus auch kurzfristig auf einen Saisonverlauf gestaltend Einfluss nehmen, z.B. durch steuernde Maßnahmen. Oder auch durch Unterlassen derselben. Und da muss sich das Führungsteam bei Hertha BSC fragen lassen, ob sie wirklich immer auf der Höhe waren. Unsere Fragen hierzu:

  • Haben Manager und Präsident, z.B. in der Schlammschlacht rund um die Trainerentlassung Markus Babbels, wirklich alles getan, um Schaden von Hertha BSC abzuwenden?
  • Hat sich der Manager vor der Verpflichtung Michael Skibbes z.B. bei Eintracht Frankfurt über den neuen Trainer Vorabinformationen eingeholt, um einschätzen zu können, ob dieser zur aktuellen Mannschaft von Hertha BSC passt?
  • Ist der Manager in der Lage, abzuwägen, wann er persönlich eingreifen bzw. einem Trainer auch den Rücken stärken (und sich selbst ggf. etwas zurücknehmen) muss, um der Mannschaft keine Alibis zu liefern?
  • Warum ist es, auch seitens des Sportmanagements, nicht gelungen, mit Trainer und Mannschaft einen „fokussierten Einstieg“ ins Rückrundenauftaktspiel beim 1. FC Nürnberg hinzubekommen, wo jedem klar war, dass die Rückrunde große Herausforderungen in puncto Saisonziel „Nichtabstieg“ für Hertha BSC bereit halten würde?
  • Werden im Trainingsbetrieb tatsächlich alle Möglichkeiten ausgenutzt bzw. seitens der Vereinsführung ermöglicht? Konkreter: Wie kann es sein, dass die Mannschaft trotz eines Trainingslagers schlapp, bewegungsunmotiviert und im Vergleich zu anderen Mannschaften mental nicht stark genug wirkt?

Wir wollen uns hier nicht an einzelnen Spielertransfers abarbeiten, um Verantwortlichkeiten zu konstruieren. Die sportliche Leitung ist für jeden Transfer mitverantwortlich. Natürlich. Aber: Transfers funktionieren nun mal leider nicht immer, sondern nur meistens. Und manchmal aber eben auch nicht. Hier gibt es, wie im richtigen Leben, Licht und Schatten. Ein auffälliges Missverhältnis, das dem Management hierbei zur Last gelegt werden könnte, sehen wir aber objektiv nicht. Was die Vorabbeurteilungsfähigkeit von Leistungen einzelner Spieler bzw. sog. Leistungsträger angeht, so muss man einfach zur Kenntnis nehmen, dass diese eben auch unvorhersehbaren Formschwankungen unterliegen können. Will man nun einem Manager ernsthaft vorhalten, er hätte nicht erkannt, dass ein Spieler, der letzte Saison noch super funktioniert hat, in der kommenden Saison ein Totalflop werden wird? Wir halten das für absurd.

Sicherlich trägt das Management einen maßgeblichen Anteil an der Zusammenstellung eines Profikaders. Aber dieses geschieht doch nicht im Parforceritt einer einzelnen Person durch den Transfermarkt, sondern in Abstimmung mit dem jeweiligen Cheftrainer und unter den gegebenen finanziellen Rahmenbedingungen des Vereins. Hier hat das Management denn auch bewiesen, das es aus seinen Fehlern der Vergangenheit gelernt hat und in der Lage ist, Weichen stellende und saisonvorbereitende Entscheidungen mittlerweile rechtzeitig und abgestimmt zu treffen.

Insgesamt sind wir der Meinung, dass der sportlichen Führung keine vereinsschädigenden Verfehlungen anzulasten sind, die die sehr populistische Forderung und immer wieder reflexhaft betriebene übliche Suche nach dem einen einzigen Sündenbock, z.B. den des Managers, tatsächlich rechtfertigen würden. Wir gehen sogar soweit, dass wir Michael Preetz die Mitgestaltung der sportlichen Entwicklung weiter zutrauen und sehen in dem klaren Votum des Präsidenten Werner Gegenbauer für seinen sportlichen Leiter, gerade auch in dieser sehr schwierigen Zeit, ein wichtiges Signal, um weiter für Ruhe und Kontinuität im Verein zu sorgen. Mit der Person des jetzigen Managers werden wichtige Erfahrungen und Kenntnisse weiter an den Verein gebunden, auch wenn ihm in vielen Äußerungen der letzten Zeit immer wieder mangelnde Kompetenz vorgeworfen wurde. Unserer Meinung nach werden aber, in einer durch den schlechten Saisonverlauf aufgeheizten Zeit, in der viele Dinge eben sehr stimmungsabhängig betrachtet werden, auch viele oberflächliche Aussagen und Pauschalierungen über ihn in Umlauf gebracht. Das ist einer sachlichen Beurteilung nicht dienlich. Für uns ist das Bekenntnis Gegenbauers zu Michael Preetz ein mutiges Signal, weil es sich gegen einen sehr emotionalen Mainstream stellt. Das verdient unserer Ansicht nach Anerkennung und Respekt. Sehr wünschenswert wäre es, wie gesagt, wenn es dem Verein gelänge, auch an anderen Stellen wieder mehr Beständigkeit zu entwickeln.

3. Mannschaft

In der sehr aufgeregt geführten Diskussion um die Rücktrittsforderungen an den Manager und den Präsidenten, wird ein Aspekt immer sehr schnell vergessen, wenn es um darum geht, die Gesamtsaison zu beurteilen: Die Mannschaftsleistung. Ist es nicht zuallererst die Mannschaft, deren Leistung zur Beurteilung heran gezogen werden muss, ob eine Saison erfolgreich oder nicht verlaufen ist? Wir sind der Meinung, dass die Hauptverantwortung für schlechte oder gute Leistungen zuallererst beim Team zu suchen ist. Und auch wenn in Krisensituationen immer wieder gerne kolportiert wird, dass man nicht eine ganze Mannschaft würde austauschen können und deshalb erst die Trainerposition auf den Prüfstand gehört, muss man in diesem Fall klar und deutlich betonen, dass die Mannschaft von Hertha BSC in weiten Teilen der Rückrunde schlichtweg versagt hat und nicht den Ansprüchen einer Bundesligamannschaft genügte. Folgende Punkte sind dabei deutlich zu Tage getreten:

  • Spielerische Mängel
  • Mutlosigkeit
  • Bewegungsarmut auf dem Feld
  • Konzentrationsmängel und fahrlässige Fehler
  • Einstellungsprobleme und Motivationsmängel
  • Fehlender Kämpferischer Einsatz und Leidenschaft,
    andererseits aber auch überflüssige Fouls und Unbeherrschtheiten
  • Teaminterne Grüppchenbildung
  • Charakterliche Probleme einzelner Spieler
  • Mängel in der Außendarstellung

Dies sind alles Punkte, die in der Summe dazu führten, dass diese Saison so ausgegangen ist, wie sie am Ende ausging. Insgesamt absolut hausgemacht und nicht annähernd die Potenziale ausschöpfend, die in der Mannschaft schlummern. Dass sie wirklich mehr kann, hat sie nur phasenweise und in vereinzelten Momenten der Saison aufblitzen lassen. Leider so selten, dass es nicht möglich ist, hier auch nur irgendwie zu einer positiven Gesamtbilanz zu kommen.

Wir können es an dieser Stelle kurz machen: Die Mannschaft von Hertha BSC war schlecht und hat den Verein und Berlin auf eine unwürdige Art und Weise vertreten. Dass es zusätzlich Unruhe durch Trainerwechsel und auch durch etwaige Versäumnisse der sportlichen Leitung gab, sind gewiss wichtige Aspekte. Aber bei vielen Auftritten der Spieler muss man leider ernsthaft anzweifeln, ob hier jeweils ein Bewusstsein für den eigenen Berufsstand des Profifußballers vorhanden ist/war.

Hier muss es dringend Veränderungen geben, die auf die Mentalität und das Bewusstsein der Mannschaft Einfluss nehmen. Die Fans, die Mitglieder, die Öffentlichkeit werden den Fußball von Hertha BSC auf Dauer nur goutieren, wenn der Einsatz, der Wille und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten glaubwürdig auf den Fußballplatz übertragen werden. Dabei ist jedem, der halbwegs geradeaus denken kann, bewusst, dass nicht jedes Spiel gewonnen werden kann – aber der Wille, es wenigstens zu probieren, muss deutlich wahrnehmbar vorhanden sein. Insofern empfehlen wir eine genaue Analyse des aktuellen Kaders und dringend notwendige strukturelle Eingriffe wie z.B. Verjüngung, Auflösung von bestehenden Verträgen und sogar Umgestaltungen beim finanziellen Anreizsystem, um hierbei zu den notwendigen Veränderungen zu kommen. Unabhängig von der Frage des Verbleibs in der ersten Bundesliga. Gelingt dies nicht, wird es zu keinen nachhaltigen Verbesserungen kommen und die nahezu schon chronisch anmutenden Probleme bei Hertha BSC weiter bestehen bleiben.

Mitgliederversammlung

Ende Mai 2012 wird es wieder eine Mitgliederversammlung bei Hertha BSC geben. In Anbetracht des erlebten Saisonverlaufs ist mit massiven Unmutsbezeugungen seitens der Mitglieder- und Fanbasis zu rechnen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Präsidiumswahlen anstehen, gibt es von vielen enttäuschten Mitgliedern ja schon seit längerer Zeit ein Warmlaufen gegen den amtierenden Präsidenten Werner Gegenbauer, der frühzeitig erklärt hatte, sich erneut zur Wahl stellen zu wollen. Zum Zeitpunkt seiner Erklärung, vor gut einem halben Jahr, gab es übrigens überwiegend Beifall aus der Basis. Inzwischen ist die Stimmung jedoch gekippt und natürlich stark von der sportlichen Lage der Profimannschaft überzeichnet. Außerdem haben sich viele in der Öffentlichkeit auf den sportlichen Leiter Michael Preetz eingeschossen, an dem Werner Gegenbauer gerne weiter festhalten möchte.

Unser Appell an die Mitglieder und Fans von Hertha BSC lautet hier:

  • Seid kritisch und hinterfragt Dinge!
  • Diskutiert mit Präsidium und Management!
  • Schafft ggf. überzeugende personelle Alternativen mit einem überzeugenden Konzept und fordert nicht nur Rücktritte!
  • Seid als Mitglieder verantwortlich und sammelt, bevor ihr eine Entscheidung für oder gegen jemanden (und dessen Konzept) trefft, möglichst viele Informationen, die alle Seiten beleuchten!
  • Überlegt, ob ein Führungschaos nach einer Wahl/Abwahl für einen Verein, der „auf dem Vulkan tanzt“, das richtige Instrument ist, um nach so einer Saison wie der letzten wieder einen perspektivischen Blick nach vorne zu bekommen!

Zweifelsohne: Mal abgesehen von den dümmstmöglichen Hertha-Chaoten aus den Relegationsspielen, waren die Fans und Mitglieder von Hertha BSC, was ihre Treue, ihre Unterstützung und ihre Leidensfähigkeit anbelangt, in dieser Saison wirklich das Beste, was man über den Verein sagen kann, so dass wir hoffen und auch fest daran glauben, dass diese die Geschicke des Vereins auf der kommenden Mitgliederversammlung kritisch, aber auch besonnen und verantwortlich begleiten werden.

Relegation und DFB-Entscheidungen

Unerwähnt bleiben kann hier natürlich nicht das unrühmliche Saisonende. Hertha BSC hat immerhin die Chance erhalten, über zwei Relegationsspiele sein eigenes Schicksal über den Verbleib in bzw. den Abstieg aus der ersten Liga noch mal selbst in die Hand zu nehmen. Dabei sind uns allen insbesondere die Vorfälle rund um das Relegations-Rückspiel in Düsseldorf bekannt, die zu den aktuellen juristischen Auseinandersetzungen mit der DFB-Gerichtsbarkeit führen. Eine tiefer gehende juristische Einordnung möchten wir uns hier, auch mangels entsprechender Kenntnisse, ersparen. Nur soviel aber: Wir begrüßen es außerordentlich, dass Hertha BSC den juristischen Weg als legitimen Versuch, die unfairen und unserer Meinung nach irregulären Spielbedingungen gegen Spielschluss untersuchen zu lassen, beschreitet. Unabhängig davon, ob die Stimmungslage nun ganz grundsätzlich gegen den Verein gerichtet ist oder nicht. Es geht hierbei zum einen um existenzielle Fragen für den Verein (Abstieg oder nicht). Zum anderen hat Hertha BSC mit seinem Protest ein ganz grundsätzliches Thema auf die Agenda gehoben, das eigentlich der DFB von sich aus hätte in Angriff nehmen müssen, nämlich die Suche nach Antworten auf die Fragestellung: Wie muss sich der Fußball in Deutschland in Zukunft zu bestimmten Verhaltensweisen von Fans positionieren?

An alle Herthaner: Wir müssen uns überhaupt nicht schämen, dass wir in diesem Falle ein juristisches Mittel gewählt haben. Alle, die uns das jetzt vorhalten, müssen mal ihr eigenes moralisches Werteverständnis überprüfen. Hierbei geht es natürlich um den vielleicht letzten Strohhalm für uns, aber eben auch um viel mehr: Wollen wir fairen Sport oder sind das am Ende alles nur Lippenbekenntnisse?

Zudem: Jeder andere Verein hätte in unserer Situation ebenso gehandelt. Von daher ist jeglicher moralische Druck, der vielleicht auf uns ausgeübt wird, völlig fehl am Platze. Über die juristische Verteidigungsstrategie Herthas (Stichworte „Todesangst“ und „Blutbad“) mag man im Einzelnen gerne streiten, in der Sache aber ändert es nichts daran, dass für Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf zum Schluss, in einem dann „engen und auf der Kippe stehenden Relegationsspiel“ keine fairen sportlichen Bedingungen mehr vorgelegen haben. Das Signal aber, das nach der erstinstanzlichen Entscheidung vom DFB ausgesendet wird, ist: Alles ist im Prinzip erlaubt, solange es nur „positiv besetzt“ ist. Wir meinen, dass der DFB hier eine große Chance verpasst hat, gleich im ersten Schritt klare Kante zu zeigen. Und im Gegenteil, hier für Deutschlands Fußballstadien womöglich sogar eine Büchse der Pandora geöffnet hat.

Schämen müssen wir Herthaner uns indessen für Spieler, die in einer angespannten Situation ihre Nerven nicht im Griff haben und die – so sich die im Raum stehenden Vorwürfe bestätigen sollten – hart bestraft gehören. Und natürlich müssen wir uns für Herthanfans schämen, die im Stadion (und außerhalb) ihren nicht unerheblichen „Beitrag“ (Bengalos, Gewalt, Hass, Spielunterbrechungen, Bahnrandale etc.) dazu geleistet haben, dass Menschen in Gefahr geraten sind, dass einem Fußballspiel ein insgesamt unwürdiger Rahmen verpasst wurde und dass nicht zuletzt dem Verein zum wiederholten Male ein schwerer Imageschaden entstanden ist. Auch hier sind harte Strafen anzustreben.

Wir plädieren deshalb dafür, unabhängig von den zu erwartenden Vereinsstrafen des DFB als Konsequenz aus den Verfehlungen von Herthafans, dass Hertha BSC sich für die Zukunft ein vernünftiges und praktikables Konzept zum Umgang mit seinen Fans überlegt und sich hier auch ganz klar positioniert. Der Dialog mit den Fans soll hierbei gerne weiter im Vordergrund stehen, aber die roten Linien müssen dabei klar ersichtlich sein und bei Überschreitung dieser sich daraus ergebende Strafen von Vereinsseite auch konsequent umgesetzt werden. Zumal auch allen Verantwortlichen und Fans bei Hertha BSC klar sein muss, dass, falls sich der DFB in diesen Fragen doch wieder mehr in Richtung seiner eigenen Statuten bewegen sollte, eine nächste Verfehlung dieser Art, z.B. im Berliner Olympiastadion, mit den allerhärtesten Strafen – uns fehlt an dieser Stelle einfach ein geeigneter Superlativ – zu belegen sein wird. Gut agiert in diesem Kontext künftig also, wer aus den Vorfällen des letzten Relegationsspiels richtige Schlüsse zieht, sich konsequent vorbereitet und zu verhindern weiß, dass solche Dinge bei sich vor der eigenen Haustür passieren. Nur ein Rat unsererseits.

Fazit

Diese Saison war sehr turbulent, mit einem am Ende insgesamt sehr aufregenden Finale, das so sicherlich keiner von uns auf der Rechnung hatte. Ganz wichtig für Hertha BSC und die Fans wird es sein, dass diese Ereignisse und Entscheidungen, soweit möglich, schnell aus den Köpfen kommen. Der Verein, vor allem aber die Mannschaft muss rasch zu einer Normalität finden, die es dann auch hoffentlich möglich macht, endlich den Fußball zu spielen, den wir uns alle wünschen. Es gibt zudem einen neuen Trainer, dem es gilt, zunächst alle Unterstützung zu Teil werden zu lassen, die wir ihm geben können. Dieser hat klar gemacht, dass er sich für die Mannschaft spielerische Veränderungen vorstellt und alle sollten dieses jetzt auch vorbehaltlos unterstützen. Die Rahmenbedingungen, unter denen die Neuentwicklung von Hertha BSC stattfinden wird, werden weiterhin schwierige sein. Das muss uns auch klar sein. Insgesamt wird es also nach dieser abgelaufenen Saison vielleicht mehr denn je darauf ankommen, dass alle im Verein zusammen stehen und helfen, dass ein Neustart gelingt. Wir wünschen uns das jedenfalls und drücken dazu alle verfügbaren Daumen.

Alles Gute und Ha-Ho-He!

Schuss. Tor. Hinein!

 

P.S.: Nur zur Sicherheit: Dieser offene Brief spiegelt unsere Meinung wider und ist in keinster Weise vorher mit der aktuellen Vereinsführung von Hertha BSC abgestimmt oder besprochen worden.