Knie nieder, wenn Du die Hauptstadt bist!

Das war es also? Herthas Protest gegen die Wertung des Relegationsrückspiels bei Fortuna Düsseldorf wurde auch in zweiter Instanz abgeschmettert. Der Verein muss, Stand heute, wieder zurück in die zweite Liga, weil das DFB-Bundesgericht keinerlei „physische und psychische Schwächung“ bzw. kein „einheitliches Bild allgemeiner Angst“ bei Hertha BSC feststellen konnte oder wollte. Ein Wiederholungsspiel sei damit nicht gerechtfertigt, so der Richter. Jetzt bliebe dem Verein noch die Möglichkeit, in nächster Instanz das Ständige Schiedsgericht anzurufen. Ob dieser Weg, nach zwei Urteilen gegen Hertha, aber beschritten wird, ist fraglich, denn der Verein sieht sich zunehmend unter Druck, was die Umsetzung seiner Planungen für die kommende Saison angeht. Tja, wir bei Schuss. Tor. Hinein! zucken also etwas ratlos mit den Schultern und stellen fest: Das war es also. Aber was genau jetzt eigentlich?

Gut, Herthas neuerlicher Abstieg steht einstweilen fest. So richtig Trauer will aber gar nicht aufkommen, weil diese schon relativ gleichmäßig über 36+X Spieltage zuvor verteilt wurde. Und die allermeisten unter uns kommen doch ohnehin zu der Erkenntnis, der Abstieg ist – rein sportlich betrachtet – auch absolut verdient. Dieses Mal gibt es dann eben noch etwas Hohn und Spott, vorzugsweise der Düsseldorfer Fans, „on-top“, wie wir so schön neudeutsch sagen. Das halten wir Berliner aber schon irgendwie aus, zumal, liebe Düsseldorfer: Euer dickes Ende kommt wohl auch erst noch…
Mit einiger Fassungslosigkeit aber wenden wir den Blick auf die sog. DFB-Gerichtsbarkeit. War das, was wir zuletzt in den beiden Verfahren erleben durften, eine Sternstunde für Gerechtigkeit und Fairness?

Die Älteren unter uns haben mit dieser ultra-konservativen DFB-Institution in der Vergangenheit ja schon Bekanntschaft machen müssen und auch die aktuellen Erfahrungen tragen wohl eher nicht dazu bei, dass sich die Verschwörungstheoretiker in Berlin (Tenor: „Der DFB hat was gegen Berlin!“) künftig auf die faule Haut legen werden. Dazu entsprach z.B. das erste Verfahren in seiner Gesamtausrichtung zu sehr einer Laiendarsteller-Veranstaltung aus der Fernsehserie  „Königlich Bayerisches Amtsgericht“ mit der Erkenntnis „Thema verfehlt, setzen sechs!“. Dass sich ein Richter, dem man gerne juristischen Sachverstand unterstellen möchte, hier tatsächlich hin stellt und uns seine (?) Sicht der Dinge als einen „positiv besetzten Platzsturm“ verkauft, ist an Peinlichkeit eigentlich kaum noch zu überbieten. Nicht von ungefähr kommen dann halt auch bissige Kommentare aus der Medienlandschaft wie: “Dann seien künftig Dopingmittel wohl positiv besetzte Vitaminsäfte. Wettbetrüger positiv besetzte Tippgemeinschaften. Und ein Eigentor ist positiv besetzte Spielverlagerung zum Anstoßpunkt.” (Berliner Kurier, 21.5.2012) – wir haben herzhaft gelacht!

Dass die Vorfälle in Düsseldorf zudem insgesamt immer wieder einer verharmlosenden Beurteilung unterzogen wurden, um letztlich in Aussagen wie „da niemand verletzt wurde, war alles regulär“ zu gipfeln, setzt dem Ganzen nur die Krone auf. Umkehrschluss: Wäre jemand verletzt worden, hätte man anders entschieden. Wir fragen: Was sind das für kaputte Signale, die hier eine sog. Gerichtsbarkeit in die Welt sendet?

Vom zweiten Verfahren vor dem Bundesgericht kann man immerhin behaupten, dass hier die Dinge wenigstens ordentlich angegangen wurden. Konzentration auf das Kernanliegen des Herthaprotestes und halbwegs ordentliche Beweisaufnahme. Generell blieb aber immer der Eindruck: Hertha hatte nie eine richtige Chance mit dem Protest. Die heilige Kuh des DFB, der Schiedsrichter, wurde nicht in einer einzigen Sekunde angezweifelt. Der Verweis auf die Tatsachenentscheidung war das unumstößliche Gesetz, dem letztlich alles untergeordnet wurde. Dass die Spielbedingungen am Ende objektiv gesehen – denn nicht nur der blau-weiß bebrillte Herthaanhänger bezweifelte das – nicht mehr regulär waren, spielte bei der Bewertung überhaupt gar keine Rolle. Und sogar, dass Schiedsrichter Stark zugegeben hat, fehlende Elfmeterpunkte und Eckfahnen sowie zerschnittene Tornetze nicht mehr mitbekommen zu haben, war für die Bewertung am Ende völlig irrelevant.

Böse Zungen (im Volksmund eben auch „Verschwörungstheoretiker“ genannt) würden sagen: Der DFB hatte überhaupt gar kein Interesse an einer Umwertung des Spielergebnisses. Wir können es an dieser Stelle natürlich nicht beweisen. Wir wollen hier aber genauso wenig begreifen, dass derlei spielbeeinflussende Umstände, wie wir sie alle in besagtem Relegations-Rückspiel erlebt haben, nun der künftige Maßstab für Sportlichkeit und Fairness auf dem Fußballplatz sein sollen. Unserer Mannschaft wurde in einem sehr entscheidenden Spiel die Chance verwehrt, dieses Spiel konzentriert zu Ende zu spielen, um vielleicht das Ergebnis doch noch positiv für sich zu gestalten. Das ist die schreiende Ungerechtigkeit, auf die in beiden Gerichtsinstanzen nicht in ausreichendem Maße eingegangen wurde. Hertha BSC wurde hier auf brutale Art und Weise einfach abgedeckelt, auch, weil natürlich den anzuprangernden und – bei Nachweis dieser – zu bestrafenden Verfehlungen von Herthaspielern im Nachgang des Spiels, bei der Beurteilung des eigentlichen Protestanliegens viel zu viel Platz eingeräumt wurde. Dass diese Verfehlungen irgendwann demnächst Gegenstand einer separaten Verhandlung sein würden, darauf wurde zwar immer wieder hingewiesen – aber wurde es am Ende auch wirklich so gehandhabt? Wir haben starke Zweifel, dass es hier nicht doch bereits zu unberechtigten Vorverurteilungen gekommen ist.

Hertha BSC muss sich aber nun leider vorwerfen lassen, dass man mit diesen im Raum stehenden Anwürfen (Stichwort: Spielerattacken auf Schiedsrichter Stark) überhaupt eine derartige Angriffsfläche zu bieten hatte. Damit waren die Chancen vor Gericht von vornherein geschmälert. In Frage stellen wollen wir aber auch noch mal die sehr ambitionierte Strategie des Hertha-Anwalts Schickhardt. War es wirklich so schlau, hier im Vorfeld der Verhandlungen mit Worten wie „Todesangst“ und „Blutbad“ zu agieren? Das hat die konkret zu betrachtende Situation natürlich unnötig überdramatisiert und die Glaubwürdigkeit der an sich nachvollziehbaren Hertha-Argumente zum Kernanliegen der irregulären Spielbedingungen leider stark konterkariert. Die vom Anwalt Schickhardt letztlich angestrebte Botschaft an alle Fans, dass sie mit Platzstürmen ihren eigenen Verein und auch die Spielwertung gefährden, wurde somit leider verfehlt. Unabhängig von der damit aktuell verbundenen und bitteren Botschaft für Hertha BSC – Abstieg in die zweite Liga –, bleibt eben auch weiterhin die Frage völlig offen, was das ganz grundsätzlich für die Zukunft bedeutet. Hier hat das DFB-Gericht keine Antwort gegeben. Im Gegenteil, mit seinen Urteilen hat es im Prinzip der Einflussnahme auf Spielwertungen durch Fans nun eine Tür geöffnet. Gratulation dazu!

Wir bei Schuss. Tor. Hinein! sind momentan total frustriert und enttäuscht über soviel Kleingeistigkeit, Engstirnigkeit und Provinzialität sog. Fußball-Gerichtsbarkeiten und darüber, dass hier der Eindruck weiterhin Verstärkung erfährt, unsere Stadt und unser Verein stünden beim DFB irgendwie auf dem Index.  Aber auch wir, soviel Selbstkritik muss sein, sollten weiter an uns arbeiten und überlegen, was rund um Hertha BSC zuletzt alles falsch gelaufen ist. Und uns aktuell vielleicht lieber nicht unsere lieben expliziten Freunde vom 1. FC Union zum Vorbild nehmen. Nein. Aber die Gedanken sind frei…

Es muss weiter gehen: HA-HO-HE, Hertha BSC!