Hertha BSC – ein sicheres Stadionerlebnis

Ronny, Ronny, Ronny – oder wie sonst ließe sich der momentan wohl genialste Spieler bei Hertha BSC trefflicher beschreiben? Vom einst „dicksten Problem“ der Liga ist der Herthamittelfeldstar mit neun Toren und sieben Torvorlagen zum inzwischen vielleicht besten Akteur in den Reihen unserer blau-weißen Mannschaft avanciert. Womit vor der Saison niemand so wirklich rechnen konnte, ist plötzlich Realität. Wir haben einen torgefährlichen Ballzauberer in unseren Reihen, der mit seinen genialen Momenten den Gegnern das Fürchten lehrt und ihnen mit seinen spielentscheidenden Aktionen den letzten Nerv raubt. So auch am letzten Spieltag vor der Winterpause der Saison 2012/13, an dem er wieder mal sein Können aufblitzen ließ, indem er das Ausgleichstor äußerst clever vorbereitete und den Siegtreffer zwei Minuten später selbst erzielte. Ronny, Hertha-Shootingstar 2012 und einfach mal ein verdammt sicheres Stadionerlebnis für alle Herthafans…


Sicheres Stadionerlebnis? Äh, da war doch was? Ja, sicher. Sichere Stadionerlebnisse sind per definitionem das, was wir seit Jahren an Bundesligaspieltagen erleben, wenn unsere Hertha mit von der Partie ist. Da ist nämlich garantiert immer etwas los. Ganz sicher, sozusagen.
Fastmeisterschaft, Trainerentlassung, Europa-League, Platzsturm, Abstieg, Aufstieg, Trainerentlassung, Trainerentlassung, Trainerin“thron“isierung, Relegation, positiv besetzter Platzsturm, Abstieg, Wutrede, Spitzenreiter, Wiederaufstieg? Diese Aneinanderreihung sicherer Stadionerlebnisse ist der pure Wahnsinn. Und das Schöne (alternativ: das Schlimme) daran ist, dass sich diese Aufzählung davor – und mit Sicherheit (oh!) auch danach – durch Hinzufügen vieler weiterer spannender Erlebnisse sicher fortschreiben ließe.

Aber, auch wenn es unsere Hertha selbst mal nicht schaffen sollte, uns das Vergnügen eines sicheren Stadionerlebnisses zu bescheren, so gibt es zum Glück gesicherten Ersatz: Hier mit sicherem Abstand ganz weit vorne, die Spezies Schiedsrichter. Ja, ja, die Vertreter aus der Regelwächterzunft besitzen wahres Potenzial für sichere Stadionerlebnisse. Mit ihrem sicheren Gespür für (Fehl-)Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt, sind sie maßgeblich daran beteiligt, Emotion und Stadionerlebnis pur während eines Spiels gewissermaßen überhaupt erst sicherzustellen. Da kann man sich absolut sicher sein.

Nun ist es aber so, dass das sichere Stadionerlebnis an sich weiteren Zuwachs bekommen soll. 36 Vertreter der deutschen Fußballprofivereine haben sicher in der letzten Woche zusammengesessen und über ein Konzept beraten und abgestimmt, das sie kurzerhand… hey, Moment mal! … „Sicheres Stadionerlebnis“ genannt haben. Wie kann das denn bitte schön sein? Sollen jetzt etwa alle Fußballfans in Deutschland genauso tolle sichere Stadionerlebnisse bekommen wie wir Herthafans sie schon seit Jahrzehnten haben? Ach so, nein. Hierbei geht es nun mehr um Nichteinsatz von Pyrotechnik in Fußballstadien, verschärfte Kontrollen, Videoüberwachung etc., also insgesamt um mehr Sicherheit in den Stadien. Damit uns die Erlebnisse als solche und in ihrer sicheren Form auch künftig weiter erhalten bleiben. Es machen Gerüchte die Runde, dass man bei Hertha BSC zu diesem Zwecke bereits neue Mitarbeiter/innen sucht – für den Sicherheitsdienst. Oder war es noch gleich für den sichernden Stadionerlebnisdienst… man weiß es nicht so genau bzw. wird das, je nach Eignung und Befähigung, also gewissermaßen auf Basis gesicherter Erkenntnisse, der zur Auswahl stehenden Bewerber/innen, entscheiden. Verrückt, das.

Verrückt ist aber auch, dass die Kette sicherer Stadionerlebnisse gar nicht mehr abreißen will und plötzlich weitere, völlig neue Formen sicherer Stadionerlebnisse entstehen. Jetzt ist es doch auf einmal so, dass es tatsächlich Fans gibt, die überhaupt keine sicheren Stadionerlebnisse mehr wollen und sich aus Protest dagegen, einfach den bisher schon etablierten sicheren Stadionerlebnissen (Ronny, Hertha BSC, Schiedsrichterentscheidungen etc.) total verweigern, indem sie sich in ihre Fankurve setzen und 90 Minuten lang – äh, nichts machen. Nanu? Was hat das denn jetzt schon wieder zu bedeuten? Eine Protestaktion gegen den eigenen Verein Hertha BSC, weil dieser bei der Zusammenkunft der 36 deutschen Profivereine für das Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ gestimmt hat und ihnen, den Fans, damit die Garantie auf das eigene „total sichere Stadionerlebnis“ verweigert habe? Jetzt versteht man die Welt nicht mehr. Außer, dass man sich ab sofort wohl sehr sicher sein kann, dass, wenn mit Ronny, Hertha und den Schiris nichts mehr geht, sich dann wenigstens die Fans selbst zum sicheren Stadionerlebnis machen. Protestaktionen gehen ja immer.

Ausgerechnet unsere lieben Freunde aus Köpenick (von uns hier völlig ironiefrei gemeint) geben nun pikanterweise das vermeintliche Positivvorbild für jene schmollenden Herthafans. Jetzt hätte Hertha BSC einmal die große Chance gehabt, etwas für die eigenen Fans zu tun und damit gleichermaßen anders zu sein wie „Scheiß Union“. Aber nein, Pustekuchen. Unser stolzer Hauptstadtverein kriecht dem Mainstream mal wieder in seinen fetten angepassten Arsch und stimmt für das sichere Stadionerlebnis. Unfassbar. Dabei fragen wir bei Schuss. Tor. Hinein! uns aber nun, ob der gemeine schmollende Herthafan sich schon mal mit der weitergehenden Frage auseinander gesetzt hat, warum denn Hertha BSC dem Konzept zugestimmt hat. Ging es tatsächlich nur darum, quasi vorsätzlich die eigenen Fans zu vergrätzen oder verfolgte man von Vereinsseite aus mit der Zustimmung vielleicht noch ganz andere (übergeordnete) Ziele? Hm, mal drüber nachdenken… was könnte das bloß sein… hach, wir kommen gerade nicht drauf. Das ist aber auch schwierig.

Wie auch immer. Hertha BSC geht an der Stelle einen eigenen Weg. Zumindest aber nicht den Weg von Union Berlin, die, so unser gut gemeinter Rat, vielleicht auch etwas aufpassen sollten, sich in ihrem prinzipiellen Anderssein-Wollen nicht langsam mehr und mehr in sich selbst zu verheddern bzw. sich zu isolieren. Eigenes Profil, totale Individualität, schön und gut. Irgendwann führt so was aber auch zu Wagenburgverhalten. Wir von Schuss. Tor. Hinein! wünschen uns das für Union nicht. Vielleicht bietet aber das schöne besinnliche Union-Weihnachtssingen am 23.12. einen geeigneten Anlass, da auch mal drüber nachzudenken. Wir wünschen jedenfalls schon mal ein gutes Weihnachtssingen-Gelingen und blicken an dem Tag durchaus neidvoll in die neue Alte Försterei.

Und liebe schmollende Herthafans, die Ihr beim Spiel gegen den FSV Frankfurt nun volle 90 Minuten lang Protest geschoben habt: Das roch schon arg nach beleidigter Leberwurst. Diesen Geruch aber, den mögen wir bei Schuss. Tor. Hinein! gar nicht. Der stieg uns sozusagen echt in die Nase. Ist das jetzt Euer Ernst? Weil Ihr vom Verein und der Liga nicht das bekommt, was Ihr gerne wollt, macht Ihr Druck mit akustischem Liebesentzug? So klasse wir Euch meistens finden, wenn Ihr Euch auf Auswärtsfahrten in großer Zahl für unseren Verein reinhaut und wie Ihr bei Heimspielen mit Choreos und einzigartig sicheren Stadionerlebnisgesängen zu einer ganz eigenen Atmosphäre beitragt, so deutlich möchten wir Euch an dieser Stelle aber auch sagen, dass es bestimmte Grenzen gibt, die auch Ihr einfach mal zu akzeptieren habt. Weil: Ihr seid nicht die einzigen im Stadion! Ob es Euch gefällt oder nicht.

Auf der anderen Seite hatte die Protestaktion vielleicht auch ihr Gutes, zeigte sie doch, dass die Herthafans allgemein nicht vom Stimmungsmonopol der Ultras in der Ostkurve abhängig, sondern selbst in der Lage sind, ihre Mannschaft auch ohne irgendwann ziemlich ermüdenden Dauersingsang anfeuern zu können. Man könnte fast soweit gehen und sagen: Nach „Fahne pur“, endlich mal wieder „Fußballatmosphäre pur“ im Olympiastadion. Weitere Protestaktionen der Ultras dieser Art werden die Stadionstimmung insgesamt neu justieren – vielleicht läge darin sogar eine Chance?

Dezidierte Einlassungen zum beschlossenen Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ sparen wir uns an dieser Stelle mal. Da ist sicher nicht alles Gold, was glänzt und die Scharfmacher rund um den CSU-Bundesinnenministerdarsteller haben von Fußballfans und sogenannter „Fankultur“ in etwa soviel Ahnung wie der Fisch vom Fahrradfahren. Aber auch Herthafans müssen anerkennen (lernen), dass es nun mal Grenzen gibt und es, um es einfach mal ganz direkt zu sagen, ja unter anderem auch auf ihre glorreichen Aktivitäten (Stichwort „Relegation“) zurückzuführen ist, dass wir uns mit so einer Sch… tadionerlebnis-Sicherungsdebatte überhaupt erst beschäftigen müssen. Es ist nun mal so, dass man als Fan im Fußballstadion nicht einfach das machen kann, was man vielleicht gerne alles so möchte. Desgleichen gilt übrigens auch für außerhalb des Stadions. Respekt und Rücksichtnahme sind dabei gern zitierte Werte, die leider nicht mehr von jedem hoch gehalten werden. Insofern werden natürlich auch beim Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ wieder viele Fans das ausbaden, was eigentlich nur ein paar wenige Vollpfosten zu verantworten haben. Aber wie will man hier ernsthaft gerechte Lösungen finden, wenn es immer einige wenige gibt, die für sich das Recht reklamieren, wann immer sie wollen, komplett ausrasten zu dürfen und eine Mehrheit drumherum – weil sich dem „Moment der Stimmung“ hingebend –, sich mit ihnen vielleicht fälschlicherweise auch noch solidarisiert? Zum Beispiel, wenn ein Eingriff durch die Polizei droht? Es steht zu befürchten, dass es hierzu keine einfachen Patentrezepte gibt. Und trotzdem darf man das Thema nicht einfach laufen lassen.

In diesem Sinne bleiben auch wir von Schuss. Tor. Hinein! durchaus etwas ernüchtert zurück. Ein Zustand, den man sich wahrlich für so manchen Fan im Stadion wünschte, auch wenn es für ihn persönlich dann sicher weniger Stadionerlebnis bedeutete. Andererseits erfreuen wir uns doch wenigstens an der aktuellen Tabellensituation nach 19 Spieltagen von Hertha BSC und den damit verbundenen Hoffnungen und den zunächst mal sehr positiven Aussichten für die bevorstehende Rückrunde nach der Winterpause. Dass Hertha BSC anscheinend ein Wörtchen um den Aufstieg in die erste Liga mitsprechen wird, konnte man vor der Saison zwar hoffen, aber nicht erwarten. Auch nicht, nachdem es sich nahezu alle Zweitligatrainer schön einfach gemacht hatten und unserem Team im Vorfeld mal eben schnell die Favoritenrolle über geholfen haben. Wie sperrig dann einige Spiele gelaufen sind, ist uns allen noch frisch in Erinnerung. Viele Ergebnisse waren knapp genug. Da ist es dann auch völlig irrelevant, dass man die Saison mit dem höchsten Etat aller Zweitligavereine bestreitet. Es lässt sich aber festhalten, dass der große Aufwand, den Hertha BSC in der zweiten Liga betreibt, sich anscheinend nun auch in irgendeiner Form auszahlen könnte. Immerhin.

Damit möchten wir das Jahr 2012 für uns beschließen, das uns allen wieder mal diverse Höhen und Tiefen mit Hertha BSC beschert hat. Wir wünschen frohe und besinnliche Weihnachtsfeiertage sowie einen tollen Start in ein blau-weißes Jahr 2013 – mit, ganz sicher, vielen weiteren Stadionerlebnissen.