Grüße von (fast) ganz oben

Nun ist es also soweit: Hertha BSC hat nach dem 1:0 Sieg über den 1. FC Kaiserslautern erstmalig die Tabellenspitze in der Zweitligasaison 2012/13 erobert und untermauert damit die eigenen Aufstiegsambitionen recht deutlich. Und überhaupt, Spiele in der zweiten Bundesliga gegen den 1. FC Kaiserslautern scheinen irgendwie von besonderer Bedeutung zu sein. So war es einst im April 1997, wo nach einem 2:0 Sieg über die roten Teufel vom Betzenberg quasi die Geburtsstunde einer neuzeitlichen Hertha stattgefunden hat. Und so ist es vielleicht auch nach dem gestrigen Sieg wieder. Hertha BSC grüßt in der aktuellen Tabelle von oben – Reinitialisierung 2.0, nach kurzen Erstliga-Intermezzo, wieder eingeleitet. Möge eine neue Phase, möglichst dauerhaften erfolgreichen Berliner Fußballs beginnen, zumindest mal, was die Zugehörigkeit zur ersten Bundesliga anbelangt.

Wir von Schuss. Tor. Hinein! geben ja gerne zu, dass Spieltagsanalyse hier nicht so unser Ding ist. Zuviele Spiele plätschern einfach nur vor sich hin, mal mit mehr, mal mit weniger Aufregungspotenzial. Von der Art und Weise des gebotenen Fußballs mal ganz zu schweigen. Andererseits gestehen wir auch zu, dass es sich bei dem gestrigen Spiel vielleicht doch schon um ein besonderes handelte. Allein die oben angedeuteten historischen Rahmenbedingungen: Der gleiche Gegner, eine ähnliche gelagerte Konkurrenzsituation. Hinzu kam, dass der bisherige Spitzenreiter Eintracht Braunschweig sich zuvor einen Ausrutscher leistete und Hertha BSC mit einem Sieg nicht nur den Abstand zum Verfolger auf dem Relegationsplatz vergrößern, sondern gleichzeitig auch die Tabellenspitze erobern konnte. Eine Konstellation wie gemalt für Hertha BSC, Big-Point-Charakter pur und ideale Voraussetzungen zum Scheitern. Normalerweise. Nicht so an diesem Spieltag – wenngleich es doch ziemlich „verheißungsvoll“ in diese Richtung anfing.

Vierte Spielminute: Nico Schulz hatte sich kurz zuvor nach einem Pass von Ramos glänzend auf der linken Seite durchgespielt und wurde dann im Strafraum vom Lauterer Torwart von den Beinen geholt. Der Schiedsrichter pfiff Elfmeter. Während sich der Zuschauer noch leicht irritiert fragte, ob das wirklich-wirklich Elfmeter war – in ihm aber auch gleichzeitig die Freude über die anstehende Tormöglichkeit aufzusteigen begann –, waren die Spieler von Hertha BSC schon längst einen Schritt weiter: Sie feierten den Elfmeterpfiff wie die Deutsche Meisterschaft, klatschen sich ab, umarmten sich, beglückwünschten Nico Schulz dafür, dass er ihnen nun diese herausragende Möglichkeit in so einem wichtigen Spiel zu so einem frühen Zeitpunkt eröffnete. Wir von Schuss. Tor. Hinein! geben zu, dass uns in diesem Moment zumindest leichte moralische Zweifel über ein derlei merkwürdiges Verhalten bei den eigenen Spielern beschlichen. Kann es richtig sein, sich so explizit über einen zugesprochenen Elfmeter zu freuen? Was genau war jetzt dabei die eigene Leistung, die dazu führte? Und warum die große Freude, obwohl man doch noch gar nicht verwandelt hatte? Wie auch immer, der damit verbundene große Erwartungsdruck schien beim Elfmeterschützen vom Dienst, Ronny, – wenn es nicht so vordergründig abwegig erschiene – wohl jedenfalls eine leichte Gesichtsblässe aufsteigen zu lassen als er sich den Ball auf dem Punkt zurecht legte… Aber, kennen Sie das auch? Sie sind im Stadion, sehen die Situation da unten auf dem Platz und in Sekundenbruchteilen ereilt Sie unbewusst die Erkenntnis: „Hey, lasst uns Getränke holen gehen – der trifft eh nicht!“. Und fast (!) möchte man noch hinzufügen: „Zurecht nicht!“. Ja, ja, wenn es nicht der eigene Verein wäre… Bevor wir von Schuss. Tor. Hinein! nun aber als Nestbeschmutzer hingestellt werden: Nein, wir haben es auch sehr bedauert, dass der Elfer nicht drin war!

Trotzdem: Der Kapitän unseres Teams darf hier gerne mal über das Verhalten seiner  Mannschaft kurz vor dem Elfmeterversagen reflektieren. Wäre zumindest unser Wunsch. Denn: Wenn es uns letzte Saison – im Sinne von Fairness und Sportsgeist auf dem Platz – störte, dass Spieler von Bayern München uns veralberten, als sie vor einem Freistoß gegen uns erst mal „Schere, Stein, Papier“ (auch bekannt unter: Ching-Chang-Chong oder Schnick-Schnack-Schnuck) spielten, um denjenigen Freistoßschützen auszuloben, der uns gleich den letzten Abstiegssargnagel verpassen würde, lassen sich in dieser Situation doch vielleicht auch ähnliche Maßstäbe anlegen? Immerhin scheint das Mannschaftsgefüge insoweit zu stimmen, dass dem betrübten Elfmeterfehlschützen nach seinem Schuss tröstende Abklatschrituale der Mannschaftskameraden zu Teil wurden. Das wiederum stimmt etwas zuversichtlich.

Aber bleiben wir noch einen kurzen Moment beim Spieler Ronny: Unser Topscorer in dieser Saison! Was aber haben sie ihm an diesem Montagabend bloß für einen widrigen Tag angedreht?! Neben seinem verschossenen Elfmeter gab es zahlreiche Dribbel-Schludrigkeiten unseres Mittelfeld-Genius und viele viel zu späte Abspiele. Einfach zum Haare raufen. Der Höhepunkt (oder müssen wir nicht eher von einem tragischen Tiefpunkt sprechen?) in der zweiten Halbzeit war dann aus unserer Sicht dieser eine Freistoß von halblinks. Aber, kennen Sie das auch? Sie sind im Stadion, sehen die Situation da unten auf dem Platz und in Sekundenbruchteilen ereilt Sie unbewusst die Erkenntnis: „Hey, ich müsste mal dringend aufs Klo gehen, weil – der schießt den Freistoß jetzt doch eh gleich einfach nur in diese lächerliche Ein-Mann-Mauer!“ – wir von Schuss. Tor. Hinein! sind selbst erschüttert darüber, welche seherischen Fähigkeiten sich bei uns mittlerweile entwickelt haben. Oder sind es gar die uns durch den Kopf schießenden  Gedanken selbst, die das Geschehen da unten auf dem Platz unmittelbar steuern? Nicht auszudenken. Auf der anderen Seite, wenn unser gedanklicher Einfluss wirklich so groß wäre, dann würden bei Heimspielen im Olympiastadion jedes Mal Real Madrid gegen CF Barcelona da unten auf dem grünen Rasen spielen… Nein, das will man ja auch nicht wirklich.

Was fiel noch auf, an diesem Abend?

  • Nico Schulz, der Mann, der „italienische Momente“ ins Herthaspiel einbrachte: Starkes Zweikampfverhalten, gute Dribblings und insgesamt unglaublich viel Betrieb auf der linken Angriffsseite wie schon lange nicht mehr dort. Da hätten wir doch gerne mehr von!
  • Kein Tor durch einen Angreifer. Obwohl nun zeitweise drei echte Stürmer bei Hertha BSC auf dem Platz standen, blieb es dem wackeren Peer Kluge vorbehalten, das einzige Tor des Abends zu schießen.
  • Kein Tor aus einer Standardsituation. Das ist ja wohl mehr als erwähnenswert, wenn in dieser Saison einer jener seltenen Momente auftritt, in dem unserem Team ein Tor aus dem Spiel heraus gelingt.
  • Kein Tor in der sonst so starken Schlussviertelstunde. Das Tor ist nun nachweislich in der 68. Minute gefallen.
  • Hertha ist bundesligatauglich. Ja, wir wagen die These, dass Hertha BSC in der ersten Liga prinzipiell wird mithalten können. Mindestens um die Plätze 12-15 sollte die Mannschaft eigentlich mitspielen können. Das Problem an solchen Zielvorstellungen ist, dass man nicht ernsthaft zum Beispiel „auf Platz 15“ spielen kann, weil man – Verkettung von unglücklichen Umständen, haben wir ja alles schon erlebt! – dann gerne schnell mal Gefahr läuft, auch für Anwartschaften auf Platz 16-18 in Frage zu kommen. Erste Bundesliga wird also weiterhin eine Herausforderung, eine fortwährende Mentalitätsschule für unsere Jungs, bleiben. Und so Raketenstarts wie der von Eintracht Frankfurt in dieser Saison dürften wohl eher die Ausnahme und nicht die Regel sein. Unser gut gemeinter Rat an Michael Preetz lautet deshalb auch: „Lieber Micha, neben Kaderplanung & Co, solltest Du Dir, wenn vorausblickend, jetzt auch schon mal eingehendere Gedanken über eine ‚Wie-gehe-ich-mit-meinem-Trainer-eigentlich-um-wenn-es-schlecht-laufen-sollte?’-Strategie machen.“ Wir bei Schuss. Tor. Hinein! finden nämlich, dass wir uns bei Hertha BSC in der letzten Saison mit unserer Trainerorgie und dem ganzen Drumherum wirklich genug blamiert haben. Aber ist nur so ein Gedanke.

Tabellenführer werden war schon schwer, es zu bleiben wohl noch mehr. Man verzeihe uns hier diese banale Sprichwortadaption… keine Frage, Hertha spielt bisher punktemäßig und was die „Ungeschlagen-Serie“ angeht eine absolute Ausnahmesaison. Vielleicht genießt man das auch einfach mal nur. Dass es nicht auf ewig so weitergehen wird, dürfte uns wohl aber hoffentlich allen klar sein. Wichtig ist doch, dann vorbereitet zu sein, wenn wieder vglw. Normalität Einzug hält.

So und nun lasst uns Ronny bloß schnell einen neuen Vertrag geben, damit das Elfmetertrauma gar nicht erst zu einem solchen wird und uns zur Feier des Tages ein kleines Liedchen anstimmen:

“Hier kommt HERTHA…
Schei..t euch in die Hosen…
Wir stehen ganz oben…
… und wir steigen wieder auf!”