Wiederentdeckung von Primärtugenden

Absoluter Wahnsinn! Anders kann das Saisonfazit 2012/13 für Hertha BSC wohl nicht ausfallen. Was nach einem leicht holprigen Saisoneinstieg folgte, war eine tadellose Zweitligasaison, in der sich das Team – vom Trainer in weiser Voraussicht als „ab Oktober 2012 schwer zu besiegen“ auch rechtzeitig angekündigt –, wie das berühmte heiße Messer durch die Butter, will sagen, durch die Saisonspieltage schnitt. Fast ohne Krisen also. Im Gegenteil: Berliner Stadtmeisterschaft gegen Union Berlin (zurück)geholt, darunter ein grandioser Auswärtssieg in Köpenick. Erneut und frühzeitig (am 13. Spieltag) den direkten Wiederaufstieg in die erste Bundesliga geschafft, die Zweitligameisterschaft errungen und am letzten Spieltag mit einem Heimsieg oder wenigstens einem Unentschieden gegen Energie Cottbus einen neuen Punkterekord für die zweite Bundesliga anvisierend. Kaum auszudenken, ginge nun als Torschützenkönig auch noch Mittelfeldstar Ronny in die Saisonannalen ein. Da müssen wir uns vor Schreck alle mal ordentlich die Augen reiben. Ist das zu glauben? Hertha BSC, unser Verein, steht tatsächlich kurz davor – jedenfalls aus Sicht der jüngeren Zeitlinie – positive Einträge im Gästebuch der Geschichte zu hinterlassen. Will da noch ernsthaft jemand meckern, bei so vielen Rekorden, Superlativen und Positivem? Nein, nein: „Wenn einem so viel Gutes widerfährt – das ist schon einen Asbach Uralt wert“…

Aus dieser werbevertragsverdächtigen Weinbrandnummer kommen wir hier wohl nur schwerlich wieder raus. Aber vielleicht fällt es ja auch nicht weiter auf, wenn in Zeiten ritualisierter Weißbierduschen und alkoholbasierter Jubelarien auf deutschen Fußballplätzen (mal schauen, was am 25.5.2013 im fußballdeutschen Zweitwohnsitz Wembley passiert…) auch wir bei Schuss. Tor. Hinein! zur Feier des Tages mal ganz kurz, aber immerhin stilvoll, den muffigen Uralt-Cognac schwenken. Und zu feiern gibt es doch nun wahrlich genug: Schließlich ist Hertha BSC 2013/14 wieder dabei, im Konzert der Großen. Aufstieg in die erste Fußball-Bundesliga und Balsam für die geschundene Hauptstadtseele, die innerhalb von nur zwei Jahren zwei Abstiege zu verkraften hatte. Keine Tingeltouren mehr durch die – mit Verlaub – unterklassige Provinz. Nein, in der ersten Liga fährt sogar der Hauptsponsor (Deutsche Bahn) wieder groß auf: Im ICE zu jedem Spiel. Na ja, zu fast jedem, aber egal. Hauptsache, Wolfsburg wird nicht wieder zur „vergessenen Stadt“ und Herthafans womöglich bis nach Kassel-Wilhelmshöhe durch gereicht. Überlassen wir jedoch die Widrigkeiten des bahnlichen Erstligaalltags jenen Spezialisten, die vom Hauptsponsor von Berufs wegen dazu bestellt sind, sich darum zu kümmern und widmen wir uns anderen wichtigen Fragestellungen, wie zum Beispiel:

Wie sind denn nach einem Jahr Zweitligaausbildung nun die weiteren Berufsaussichten für Hertha BSC?

Qualifizierung im Führungskräftetraining, Ausbildung im mittleren Dienst oder doch nur Hilfskraft beim Fahrstuhlschaffner? Es gibt ja nicht eben wenige, die die Zukunft unseres Vereins mit gewisser Skepsis und gehörigen Sorgenfalten auf der Stirn sehen. „Aufsteiger haben’s immer schwer!“ oder „Im ersten Jahr kann es nur um den Klassenerhalt gehen!“ heißt es an dieser Stelle immer so schön. Und wie wahr, es gibt nun sicherlich genügend Beispiele, nicht zuletzt auch ausreichend eigene Erfahrungen, die es ratsam erscheinen lassen, hier erst mal die kleinen Brötchenbackformen in den Ofen zu schieben. Zwar gibt es auch positive Gegenbeispiele wie das der Eintracht aus Frankfurt, die in der Saison nach ihrem Aufstieg gleich mal direkt um die Europapokalplätze mitspielt, dennoch scheint das eher die Ausnahme, denn die Regel zu sein. Hertha BSC wird – trotz Hauptstadclubstatus – in der Bundesliga also vermutlich erst mal wieder als Praktikant einsteigen und sich Zug um Zug hoch- bzw. eine neue eigene Reputation erarbeiten müssen, um sich für längere Zeit im Oberhaus zu etablieren. Ist die Perspektive dafür aber gegeben? Sind die Chancen realistisch? Und was wäre zum Beispiel anders im Vergleich zur Aufstiegsmannschaft von vor zwei Jahren? Oder um es ganz platt zu fragen: Wie kommen wir wieder raus aus dem Fahrstuhl?

“Fahne pur – Fußball pur!”

Schauen wir dafür zunächst ein Jahr zurück: Auf der Mitgliederversammlung im Mai 2012, nach den unsäglichen Relegationsspielen gegen Fortuna Düsseldorf, hat der damals viel gescholtene Geschäftsführer Sport, Michael Preetz, das neue Trikot für die neue (Zweitliga-)Saison vorgestellt. Das Motto dabei lautete „Fahne pur!“ – eine langjährige Faninitiative aufgreifend, die die klassische Herthafahne im Hertha-Logo vom sie einengenden Kreis drum herum befreien wollte, um das Alleinstellungsmerkmal des Vereins im bundesweiten Einerlei der kreisrunden Fußball-Logos zu stärken. Als dann das Trikot mit dem neuen Brust-Logo „Fahne pur!“ auf der Bühne enthüllt wurde, brandete entsprechend Jubel auf. Michael Preetz warb gleichsam empathisch: „Fahne pur – Fußball pur!” Dafür solle Hertha BSC in der neuen Saison stehen! Was vordergründig wohl eher als (wirkungsvolle) Maßnahme zur Beruhigung von Volkes Zorn auf der Mitgliederversammlung ob des gerade erfolgten Abstiegs angelegt war, entfaltete rückblickend vielleicht aber doch einen größeren Zauber als wir alle geahnt haben? Zugegeben, wir von Schuss. Tor. Hinein! haben uns zu einem viel früheren Zeitpunkt auch schon mal nicht so ganz ernsthaft mit der Initiative „Fahne pur!“ auseinandergesetzt – insofern möchten wir an dieser Stelle zumindest etwas Abbitte leisten –, weil wir glaubten, der Verein habe durchaus ein paar andere, tiefer gehende Probleme als sich den Kopf über die Frage „Kreisrundes Logo wie bei allen anderen Vereinen, ja oder nein?“ zu zerbrechen.

Die Verknüpfung „Fahne pur – Fußball pur!“ auf der besagten Mitgliederversammlung durch Michael Preetz war aber möglicherweise schon wegweisend und steht vielleicht stellvertretend für den Erfolg in der dann folgenden Zweitligasaison und – wer weiß – auch darüber hinaus?

Wir wollen an dieser Stelle jetzt nicht unbedingt an einer zusätzlichen Michael-Preetz-Legende stricken – der Mann ist schließlich Hertha-Legende genug –, aber nach dem letzten Abstieg ist doch jedem klar geworden, dass sich im Verein und bei der Mannschaft grundlegende Dinge verändern mussten. So, wie Hertha BSC am Ende Fußball gespielt hat, war es – auch für echte Herthafans – kaum mehr erträglich und der Abstieg fast zwangsläufige Folge. Mit Jos Luhukay wurde schließlich ein neuer Trainer – der eigentliche „Königstransfer“ wie viele behaupten – verpflichtet. Er hat stark an der Mentalität der einzelnen Spieler, der gesamten Mannschaft und der Spielausrichtung gearbeitet. Und er hat  Mut bewiesen, indem er von Beginn an auf junge Berliner Talente setzte. Folge davon: Wir haben – neben „Fahne pur!“ – nun eine Saison lang in fast jedem Spiel tatsächlich auch „Fußball pur!“ gesehen. Was nicht heißt, dass nun alle Spiele als reinste Genussware daherkamen und für vollumfängliche Zufriedenheit sorgten, aber: Einstellung und Fokus stimmten in nahezu jedem Spiel, mit dem Ergebnis, dass die Mannschaft sich auch von Rückschlägen nicht hat beirren lassen und sogar in der Schlussphase der Saison, wo die Luft aufgrund der schon erreichten Ziele weitestgehend raus war, weiter den Erfolg suchte und damit ganz nebenbei für faire Wettbewerbsbedingungen in der Liga sorgte. Eine wirklich vorbildliche Einstellung.

Insofern war „Fahne pur – Fußball pur!“ vom Geschäftsführer Sport zwar einerseits natürlich gelungenes Marketing auf einer Hertha-Mitgliederversammlung in Krisenzeiten, andererseits vielleicht aber auch eine gelungene Grundsteinlegung für ein neues Konzept oder wenn man so will: eine angestrebte Philosophie für unseren Verein. Eine Philosophie, die der neue Trainer mit jeder Faser seines Wirkens konsequent vorgelebt hat und die von der Mannschaft angenommen und ebenso strikt gelebt wurde und mit der sie sich letztlich durch den verdienten Aufstieg belohnt hat.

Schuss. Tor. Hinein! sieht an dieser Stelle dann auch die entscheidenden und vielleicht Hoffnung gebenden Unterschiede zur Aufstiegsmannschaft von vor zwei Jahren:

  • eingeschworenes Team
  • mannschaftliche Geschlossenheit
  • charakterlich integeres Auftreten

…als die bei Hertha BSC lange vermissten und durch Trainer und Management wieder aktivierten Primärtugenden, die es möglich erscheinen lassen, in der ersten Liga wieder längerfristig Fuß zu fassen und aus dem Fahrstuhl nun endlich raus zu kommen. Keine Frage, auch fußballerische Fähigkeiten sind natürlich weiterhin sehr willkommen und gerne genommen, aber wenn wir davon ausgehen, dass Aufsteigermannschaften es per se erst einmal etwas schwerer haben, wird gerade in engen Situationen der Faktor „Mentalität“ einer sein, der den Unterschied ausmachen kann. Hier hat die Mannschaft in dieser Saison zu Genüge bewiesen, wozu sie in der Lage ist und wie gesagt sich eben auch von Rückschlägen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dieses Faustpfand gilt es zu bewahren, wenn möglich, weiter zu stärken und in die erste Bundesliga mit hinüber zu retten.

Mit diesen grundlegend anderen Ausgangsbedingungen als vor zwei Jahren wäre es aus unserer Sicht dann auch möglich, sich nicht nur gleichauf mit sieben bis acht Bundesligateams zu fühlen, sondern es auch tatsächlich zu sein. Drücken wir also die Daumen, dass Mannschaft, Trainer und Vereinsführung erkannt haben, welche Werte man sich mit dieser Zweitligasaison geschaffen hat und dass dieser Weg – vor allem in Krisenzeiten – auch weiter unbeirrt beschritten wird.

Wir von Schuss. Tor. Hinein! geben daher die folgende Losung aus:
Fahne pur – Fußball pur – Mentalität pur!

… dann klappt’s auch mit dem Klassenerhalt in der ersten Liga.

PS:
Am Sonntag, 19.5.2013, 13.30 Uhr, gegen Energie Cottbus, alle schön ins Berliner Olympiastadion kommen! Die Mannschaft hat sich für diese grandiose Saison zum Abschluss ein ausverkauftes Haus verdient.