Lolita

Die Geschichte in einer Berliner Boulevardzeitung über eine 16-jährige Geliebte, die unter Herthaspielern „rumgereicht“ wird, belastet die Vorbereitungen des Hauptstadtclubs auf das Heimspiel gegen den HSV. Wir bei Schuss. Tor. Hinein! frohlockten im ersten Moment, dass es nun endlich auch bei Hertha mal um unterhaltsame Inhalte gehen könnte, um dann aber relativ schnell feststellen zu müssen, dass die Sache vielleicht doch viel ernster ist als es der zunächst banal anmutende boulevardeske Anschein erwarten ließ. Wie nähert man sich also nun einem Themenfeld, auf dem es nur so vor Tretminen aus Moral, Anstand, Werten, Normen und politischer Korrektheit wimmelt? Vielleicht über Motivationen der Beteiligten? Wir starten einfach mal einen Versuch…

Spieler

Im Zentrum des öffentlichen Prangers stehen nun zuallererst einige  (bislang ungenannte) aktuelle und auch ehemalige Spieler von Hertha BSC. Sie haben einem 16-jährigen Mädchen, das sich den Spielern gegenüber als älter ausgegeben hat, bei einer Autogrammstunde ihre Mobiltelefonnummern zugesteckt, um eine Kontaktaufnahme zu ermöglichen. Junge Männer treffen auf junges attraktives Mädchen – für weitere Szenarien braucht es nicht viel Fantasie. Soweit aber eigentlich auch total banal und ziemlich alltäglich. Besonders pikant wird die Geschichte nun dadurch, dass es sich bei den Beteiligten um Spieler eines stadtbekannten Fußballvereins handelt, dass das betreffende Mädchen – wie sich im Nachhinein herausstellt – doch eher grenzwertig jung war. Und dass die Herren Fußballer, teilweise verheiratet oder in festen Beziehungen gebunden, an der Stelle anscheinend auch Wiederholungstäter waren, sprich, hier ganz offensichtlich eine (funktionierende) Masche entwickelten, wie man als Fußballer sein Prominentendasein sonst noch „nutzbringend“ (vor allem für sich selbst) einsetzen kann. Für völlig unprominente und sexuell notorisch unterversorgte Fußballnerds wie uns bei Schuss. Tor. Hinein! klingt das nach einer Art Traumzustand, hm, aus gesellschaftlicher Metasicht ist das aber dann vielleicht doch etwas bedenklich, was die feinen Herren Sportler da abgezogen haben. Man kann ja verstehen, dass die Verlockungen groß sind und „Gelegenheit macht Liebe!“, wie man so schön sagt. Wenn junge Menschen aufeinander treffen, ist sexuelles Interesse untereinander nun mal nicht per se auszuschließen, fällt aber in der Regel in die Kategorie „privat“. Läuft das aber auf Basis von Prominentenstatus und fast schon in Form eines organisierten Sexualpartnertauschrings, bekommt so eine Sache dann natürlich ein G’schmäckle. Die Frage ist nur, wenn das alles wahr ist, was da so bei dem einen oder anderen Spieler am Ende nicht stimmt und was da von Mami und Papi des einen oder anderen Spielers vielleicht auch in nicht ganz ausreichendem Maße vermittelt wurde? Und überhaupt: Wie doof muss man als Spieler denn eigentlich sein, seinen erigierten Penis als Foto zu versenden und seine Aktivitäten über die geschwätzigen neuen Medien und sozialen Netzwerke derart auszubreiten, dass man sich so angreifbar macht? Diese Naivität lässt sich doch nur mit dem Status des Fußballerdaseins als solchem und den zum damaligen Zeitpunkt noch völlig unbekannten Totalüberwachungsaktivitäten der NSA erklären? AU-WEI-A!

Lolita

Kommen wir nun zu dem 16-jährigen süßen Früchtchen, das der Auslöser des Skandals ist, das auch ungenannt bleibt und unter dem höchstpersönlichem Schutz der Boulevardzeitung steht. Hat also Mobiltelefonnummern von Herthaspielern bekommen und sich mit den Spielern getroffen. Dann ist es anscheinend zu Intimitäten gekommen, über deren Ausmaß keiner so recht Bescheid weiß, deren Rahmen aber zumindest mal juristisch durch entsprechende eidesstattliche Versicherungen definiert wurde. Im Nachhinein soll es kein Geschlechtsverkehr gewesen sein und das Mädchen versicherte inzwischen, sie sei noch Jungfrau. Aha. Bei soviel unappetitlichen öffentlichen Details braucht es einen nicht zu wundern, wenn radikale Evangelisten immer größeren Zulauf erfahren…
Nun gibt es bei dem Mädchen also eine „kognitive Dissonanz“ bezüglich des Erlebten, die offensichtlich darin mündete als Allererstes zu einer Berliner Boulevardzeitung gehen und die Geschichte von der schlechten Herthawelt da draußen brühwarm erzählen zu müssen. Tja. Aber warum? Ist man mit 16 Jahren (in Berlin!) noch nicht soweit zu wissen, was es bedeutet, wenn einem junge Männer Mobiltelefonnummern zustecken? Was haben denn Mami und Papi und Schule hier versäumt, in Sachen Aufklärung zu leisten? Und warum beschwert „man“ sich nicht vielleicht zuerst bei jenem Verein, dem die Spieler angehören, wenn man sich an dieser Stelle „ungerechtfertigt behandelt” fühlte? Folgte hier etwa der ersten Egoschmeichelei durch Aufmerksamkeit von prominenten Herthaspielern, eine zweite durch Aufmerksamkeit über eine stadtbekannte Boulevardzeitung? Oder waren es am Ende schlicht nur pekuniäre Motive – etwas Geld von einer Boulevardzeitung für eine schmierige Geschichte? Wie auch immer, hier haben nicht nur Mami und Papi versagt, hier darf die hübsche Lolita vielleicht auch an sich selbst arbeiten und sich ein paar entscheidende Fragen stellen: Was habe ich eigentlich für ein Problem mit mir selbst? Was hat mir das jetzt alles gebracht?
Uns tut es natürlich auch leid, dass es dem Mädchen unmittelbar nach Veröffentlichung der Geschichte und der ihr damit offensichtlich bewusst gewordenen Implikationen dieses Falls plötzlich gesundheitlich schlecht ging.
Wir wünschen von dieser Stelle aus alles Gute und heilsame Erkenntnisse.

Boulevardzeitung

Die Motivation des veröffentlichenden Boulevardblattes, dessen Namen wir aus Gründen des Schutzes vor sich selbst an dieser Stelle nicht aktiv nennen dürfen, ist im Grunde schnell abgehandelt. Dazu reicht im Prinzip ein einziger vollkommen aussagekräftiger Link.  Hinzu kommen dann wohl noch schwelende Streitigkeiten besagter Boulevardzeitung mit dem Verein Hertha BSC bezüglich der Berichterstattung rund um die Relegationsspiele gegen Fortuna Düsseldorf und dem damit verbundenen Abstieg in die zweite Fußball-Bundesliga im letzten Jahr. Und auch dem letzten Deppen dürfte jetzt eigentlich klar sein, warum wir es nun mit einer mehrteiligen Skandalgeschichte zu tun haben.

Journalist

Federführend beim Lolita-Mehrteiler, u.a. der Journalist Florian Witte. Wer dessen Arbeit bei der betreffenden Boulevardzeitung in letzter Zeit ansatzweise verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass dieser die Ausrichtung und Zielsetzung seiner Zeitung vollends lebt. Unterirdische, plumpe, dumpfe, mitunter Personen verletzende und für eine Boulevardzeitung halt typische Wortspiele, so blöd, dass einen dafür nicht mal mehr die Schweine beißen würden. Aber, nichts ist zu dumm als dass es nicht doch auch veröffentlicht werden könnte. So verfährt man halt im Boulevard. Kann man ihm deshalb also einen Vorwurf machen, diese Geschichte gebracht zu haben? Wahrscheinlich nicht. Er macht doch auch nur seinen Job in dem Rahmen, der ihm seitens seines Arbeitgebers gesteckt wurde, möchte man anfügen. Allerdings, so ein wenig ist man auch hier nicht davor gefeit, über das Stichwort „Profilneurose“ zu stolpern. Sich an der großen Hauptstadteiche des Fußballs zu reiben, erzeugt immerhin mal etwas „Wärme“ und anscheinend irgendwie auch mal wieder ein wohliges Gefühl im Leben des armseligen Boulevards. Am Ende sprechen wir hier leider schon wieder über fehlende Aufmerksamkeit als Symptom für pseudoaufklärerischen und bigotten Journalismus und befürchten, dass wir bei Schuss. Tor. Hinein! hier so langsam  zu einer Art Auffangblog für ADHS-Problemfälle werden. Man kann ja nur hoffen, dass Herr Witte und sein Kollege für den aktuellen Lolita-Mehrteiler ihren Pulitzerpreis nach deutscher Art absahnen, ansonsten droht das alles vielleicht noch chronisch zu werden? Und wir wollen hier wirklich keine Arztblogpraxis eröffnen.

Manager

Mit dem Lolita-Skandal wieder mal im Fokus, der „Manager auf Bewährung“ Michael Preetz. Ist er der richtige Krisenmanager für den Verein? War die Ansage, mit dieser Berichterstattung wolle man dem Verein nur schaden und ansonsten äußere man sich nicht zu den Privatdingen der Spieler, die richtige? Da er es sowieso kaum einem Recht machen kann, ist es wahrscheinlich auch schon egal, was er an der Stelle sagt. Aber was soll er denn auch sagen, wenn man das moralisch verwerfliche Verhalten seiner Angestellten in der Öffentlichkeit auch noch kommentieren soll? Da hält man am Besten die Klappe und macht das intern. Wenn es, wie kolportiert, vereinsintern einen Einlauf für die Mannschaft gegeben hat, so ist das der richtige Weg. Ansonsten aber, hat der Verein zwar eine Fürsorgepflicht für seine Spieler, er ist aber nicht deren Erziehungsberechtigter. Hier kommen dann wieder Mami und Papi ins Spiel, wozu aber eigentlich auch schon alles gesagt wurde. Dass dem Manager das Verhalten der Spieler aber nicht gefallen haben kann, kann man wohl an den eigenen fünf Fingern abzählen. Der Verein war zuletzt auf einem guten Weg, mit dem Ziel, unbedingt sein Image wieder zu verbessern. Die grandiose Zweitligasaison und der gute Wiedereinstieg in die erste Liga, waren dafür allerbeste Voraussetzungen. Zudem wurden durch den Manager neue Spieler verpflichtet, die den guten Charakter der Mannschaft eigentlich weiter stärken sollten. Das alles fällt jetzt natürlich wie ein Kartenhaus in sich zusammen, trifft aber gleichzeitig auch Personen, die mit dem kolportierten Skandal gar nichts zu tun haben. Aber auch hier gilt wohl das gute alte Motto: „Man gewinnt zusammen, man verliert zusammen“.

Trainer

Der Trainer ist am Ende so eine Person, von der auszugehen ist, dass sie mit all dem Schmierentheater gar nichts zu tun hat. Er, der verpflichtete Glücksgriff des Managers vor der letzten Saison, ist unzweifelhaft das personifizierte Wertesystem im Herthagefüge. Der Normenkompass schlechthin für aus den Fugen geratene Verhaltensweisen von Spielern, aber vielleicht auch für übers Ziel hinausschießende Boulevardzeitungen und deren sich vertrauensvoll an sie wendende 16-jährige Leserinnen. Seine Aussage nach dem gewonnenen Heimspiel gegen den HSV „Ich finde es schlimm, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Normen und Werte des Lebens nicht mehr gelten. Erst wenn es zu spät ist. Das ist peinlich für alle Beteiligten, sehr, sehr peinlich“ ist denn auch aus unserer (eingeschränkten) Sicht bei Schuss. Tor. Hinein! das Highlight in dieser Woche. Und wer, wenn nicht Jos Luhukay hätte diese Aussage authentischer transportieren können?

So bleibt dann am Ende ein doch etwas fader Beigeschmack zurück. Keiner der Beteiligten, kann sich – trotz eines Heimsiegs gegen den HSV – so richtig als Gewinner fühlen. Und auch für die Fans hängt diese ganze Affäre wie eine schwarze Wolke über der sportlichen Euphoriestimmung. Das ist schade, aber nun, wo die Geschichte in der Welt ist, auch nicht mehr zu ändern. Bleibt zu hoffen, dass Hertha den eingeschlagenen und öffentlich eigentlich bislang für gut befundenen Weg weiter geht und an der Stelle aufräumt, an der es etwas aufzuräumen gibt. Wenig Hoffnung allerdings haben wir für die betreffende Boulevardzeitung. Ihr Weg ist vorgezeichnet…

Trotziges Ha-Ho-He!