Prosit, Klassenerhalt!

Zum Abschluss gab’s dann doch noch mal ein sattes Ding – 0:4-Heimklatsche gegen den BVB. Grenzen in nahezu allen Bereichen aufgezeigt bekommen, zweitschlechteste Rückrundenmannschaft in der Saison 2013/14, spielerisches Auftreten wie ein gefühlter Absteiger. Aber Danke, liebe Hinrunde, im Nachhinein hätten die 28 Punkte mit Platz 15 auch so schon zum sicheren Klassenerhalt gereicht. Die mageren Pünktchen aus der Rückrunde führten immerhin dazu, dass Hertha BSC in dieser Saison nicht ein einziges Mal ernsthaft etwas mit dem Abstieg zu tun hatte. So bleibt als nüchternes Fazit: Saisonziel erreicht – Prosit, Klassenerhalt!

Tja, da ist sie also nun, die blau-weiße Hauptstadtmaus in grau. Platz 11 im gesicherten Mittelfeld. Jenseits von gut und böse und in Anbetracht der Ausgangslage vor der Saison – ein Aufsteiger kämpft um seine Etablierung im deutschen Fußballoberhaus –, müssten eigentlich alle „Hurra!“ schreien. Warum hat man nur das Gefühl, dass sich um Hertha BSC nun trotzdem wieder allmählich die Lager zu gruppieren beginnen?

Sicherlich, die für einen Aufsteiger phänomenale Hinrunde mit 28 Punkten und einem abschließenden Platz 6 haben bei allen herthazugewandten Menschen Hoffnungen, vielleicht sogar Erwartungen entstehen lassen. Wer weiß, vielleicht hätte man an die Türen der Europa League anklopfen können, wenn die Mannschaft ansatzweise das Niveau der Hinrunde fortgeschrieben hätte. Der nach der Winterpause einsetzende Verlauf der Rückrunde führte dann allerdings zu einem harten Aufschlag auf dem Boden der Realität. Der von der Vereinsführung angeblich immer mit eingeplante Einbruch kam, vielleicht aber doch auch etwas heftiger als erwartet. Nur ein Heimsieg und zwei Heim-Remis führten am Ende zu bombastischen fünf Heimpunkten in der Rückrunde. Verwöhnung des eigenen Publikums sieht wahrlich anders aus.

Darf man das nun kritisieren, in dem Sinne, dass man sich Sorgen um die Zukunft des Vereins in der nächsten Saison macht? Es wäre natürlich sehr einseitig, hier nur die Rückrunde als Bewertungsmaßstab zu Grunde zu legen. Auch darf nicht vergessen werden, dass mit Lustenberger in der Rückrunde ein sehr wichtiger Spieler ausgefallen ist und auch andere Leistungsträger von Verletzungen geplagt waren und somit nie wirklich Normalleistungen abrufen konnten. Nichtsdestotrotz bereitet es Sorge, mit angesehen zu haben, “wie dünn die Breite” des Kaders ist und sich das Herthaniveau in der Rückrunde – auch und vor allem im Vergleich zu Mannschaften auf der vielfach bemühten „Augenhöhe“ – sukzessive nach unten entwickelte. Vielfach schlimm mit anzusehen, wie in allen Mannschaftsteilen essenzielle Fußballeigenschaften kontinuierlich abhanden gekommen sind, so dass man sich beim Betrachten der Herthaspiele schon das eine oder andere Mal fragte, ob das eigentlich noch etwas mit Erstligafußball zu tun haben könnte. Und warum man sich das immer wieder antut. Aber gut, am Ende zählt wohl, was von Anfang an immer nur im Vordergrund stand: der Klassenerhalt. Dieser wurde erreicht und gibt am Ende allen Herthaverantwortlichen Recht.

Allerdings bleiben Zweifel. Zweifel, ob es ohne eine weitere nennenswerte Entwicklung des  Kaders, auch weitere Fortschritte im Sinne der Etablierung Herthas als feste Größe in der ersten Liga geben kann. Das sportliche Niveau war mitunter schon erschreckend arm, dass Einschnitte eigentlich fast zwingend notwendig sind. Kommen diese nicht, ist leider zu befürchten, dass schon die nächste Saison wieder eine schwere (im Sinne von „wohl eher nicht sorgenfrei“) für uns werden wird. Wichtigste Baustelle sicherlich die Offensive, die nach dem Weggang des Topscorers Adrian Ramos zum Saisonende unbedingt Ersatz benötigt. Sinn und Zweck des Fußballspielens ist nach wie vor hauptsächlich das Erzielen von Toren, um Spiele zu gewinnen. Daran krankte es bei Hertha zuletzt erheblich.

Die Fans träumen in solchen Situationen natürlich von guten Transfers für die neue Saison. Am Besten ein prominenter Name, mit eingebauter Erfolgsgarantie und ohne viel Geld zu kosten. Ein Spagat, der von der sportlichen Leitung wohl kaum zu bewerkstelligen ist, obwohl nach dem Einstieg des Investors KKR zu Beginn des Jahres und dem Verkauf von Ramos vielleicht sogar kleinere finanzielle Spielräume da wären. Aber, das große Geld dürfte weiterhin nicht vorhanden sein (höchstens eine diffuse Illusion davon), so dass sich Hertha in seinen Bemühungen um neue Spieler vielfach wird hinten an stellen müssen. Der große Transferhammer wird nicht zu erwarten sein, falls doch, wäre das jedenfalls sehr verwunderlich und würde wohl sofort wieder andere Fragen aufwerfen. Man kann hier nur darauf vertrauen, dass die sportliche Leitung um Preetz und Luhukay wieder ein solch glückliches Händchen beweisen wie vor dieser Saison, denn der Konkurrenzkampf in der Liga wird für Hertha weiter hart bleiben – die anderen Mannschaften werden nach Kräften aufrüsten und auch bei den neuen Aufsteigern sollte man nicht sicher davon ausgehen, dass sie automatisch wieder die ersten Kandidaten für den Abstieg zum Ende der nächsten Saison sein werden. Die erste Neuverpflichtung, Jens Hegeler von Bayer Leverkusen, erscheint in dem Zusammenhang vielen nicht wirklich als die Offenbarung für die vorhandenen Herthaambitionen, weist aber vielleicht auch ein stückweit die Richtung: Bezahlbare, solide Bundesliga-Spieler, die als wichtige Mosaiksteinchen ihren Beitrag zur eigentlichen Stärke von Hertha BSC leisten müssen – dem möglichst unbezwingbaren Kollektiv. Das wird die wesentliche Grundlage für künftigen Erfolg bei Hertha BSC sein.

Ein paar Worte noch zum Trainer… verschiedentlich nimmt man sie schon wieder wahr, die aufkeimende Unzufriedenheit im Stadion und in der Stadt. Die lauter werdenden Stimmen à la „Luhukay raus!“
Im DFB-Pokal mit der Aufstellung gepokert und verzockt? In der Rückrunde mit merkwürdigen Aufstellungsrotationen für Verwunderung gesorgt. Und eine unglückliche Ansage zum Gesamtniveau der Herthaspieler („Außer Ramos kann jeder froh sein, in den Kader zu kommen“), die zum Teil ja nun nicht zuletzt auch auf seinen speziellen Wunsch hin bei Hertha BSC spielen. Ja, die Aufstiegseuphorie ist verflogen und Hertha ist so langsam wieder im Fußballalltag angekommen. Lohnt – bei allen kritischen Aspekten – zum jetzigen Zeitpunkt aber eine grundsätzliche Trainerdiskussion? Wir bei Schuss. Tor. Hinein! hielten das für völlig irre und verweisen an dieser Stelle gerne auf die Plätze 18, 17 und 16 des 34. Spieltags dieser Saison, wo Mannschaften stehen, die sehr gerne unsere „Probleme“ hätten. Keiner ist perfekt, natürlich auch nicht Jos Luhukay. Und dass etwas bei Hertha passieren muss, wenn man weiter mindestens Erstliga-Mittelfeld sein will, sieht im Prinzip jeder, der sich mit dem Verein etwas intensiver beschäftigt. Dieser Trainer ist aber seit langem mal wieder einer, dem man ernsthaft zutrauen kann, hier in Berlin etwas aufzubauen. “Jos knows!”, heißt es doch so schön – vielleicht gibt man diesem Leitspruch mal noch etwas Gelegenheit, weiterhin seinen Zauber zu entfalten. Woran es halt chronisch im Herthaumfeld mangelt, sind Geduld und Realitätssinn. Wenn das nicht mal langsam in die Köpfe der vielen, die es mit unserer Hertha halten, hineingeht, dann wird es auch künftig schwer sein, diesen Club mit Augenmaß in die Zukunft anzuschieben. Da hilft dann am Ende auch ein seriöser Trainer nicht weiter.

Immerhin, klaren Realitätssinn und ein feines Gespür für die Dinge, die bei Hertha machbar sind, bewiesen mal wieder die echten, die einzig wahren Fans der Ostkurve im Berliner Olympiastadion. Beim Stand von 0:4 gegen Borussia Dortmund sang man dort lauthals und im vollen Brustton der Überzeugung: „Wir holn die Meisterschaft und den Europacup und den Pokaaaal…“ – da ist uns bei Schuss. Tor. Hinein! aber so was von gar nicht bange, was Herthas Zukunft angeht…

Ha-Ho-He!