Mein liebster Feind

Es ist der Tag des Finales. Jenes Pokalfinale, von dem wir alle, wohl mehr befürchtend als wissend, annehmen, dass Hertha BSC es nie erreichen wird. Und das, obwohl es so praktisch vor unserer eigenen Haustür stattfindet. Wie schade eigentlich. Aber, es ist auch der Tag, an dem ich mir meine neue Hertha-Dauerkarte kaufen werde. 2011/12: Erste Liga, da will ich dabei sein. Ja. Ein schönes Gefühl, das mich für einen kurzen Moment lang gefangen nimmt und in eine gute, eine blau-weiße Welt entführt. Mit der Aussicht auf spannende und interessante Spiele und hoffentlich interessanten Gegnern.


… bis zu jenem Zeitpunkt, an dem ich vor dem Hertha-Fanshop meiner Wahl, am Breitscheidplatz/Europacenter, eintreffe, um dort jäh aus meinem schönen Traum gerissen zu werden: Von tausenden ausgelassen feiernder Fans des FC Schalke 04. Gelsenkirchener Vorglühen fürs Pokalfinale am Abend, sozusagen. „Das kann doch jetzt echt nicht sein“, rede ich zu mir selbst, „dass sich jetzt hier tausende von Schalkern vor meinem Fanshop breit machen und Spaß haben. Schlimm genug, dass sie im Finale stehen, aber vorm Herthafanshop Party machen, das geht echt gar nicht.“

Also, schnell rein in den Fanshop und den Schalker Mob draußen lassen – ich will schließlich in Ruhe meine Dauerkarte kaufen. Im Kellergeschoss des Fanshops verpasst man mir einen guten Stadionsitzplatz (direkt neben Werner G.) und auf meinem Weg über die Wendeltreppe zurück ins Erdgeschoss, bemerke ich schon das Sakrileg, die Entweihung des heiligen Bodens: Schalke-Fans betreten meinen Fanshop. Hallo? Darüber schon halb ohnmächtig vor Wut, erwartet mich sogleich der nächste Keulenschlag. Sie wagen es doch tatsächlich, folgende, aus Worten modellierte (und aus ihrer kleinen Weltsicht wohl „witzige“) Frage ihren Sprechorganen entfahren zu lassen: „Haben Sie schon das neue Schalke-Trikot?“ – Bäng! – absolute Totenstille. Auch der Klavierspieler im Saloon würde jetzt schlagartig aufgehört haben zu spielen, wenn es im Herthafanshop einen Klavierspieler geben würde bzw. der Herthafanshop ein Saloon wäre (wir denken über diese Art Geschäftsmodell vielleicht an anderer Stelle weiter nach…).
Wir alle stehen wie paralysiert da (aber die Hand am Revolver, jederzeit bereit zu ziehen) und warten voller nervöser Spannung. Die Luft vibriert. Plötzlich der erlösende Moment. Der Klavierspieler (die Verkäuferin!) antwortet trocken: „Nee, leider schon alle ausverkauft!“ – die Musik spielt weiter. Hä? Welche Musik? Ich will nur weg. Das ist mir alles zuviel. Schalker sind doch einfach echt nur saudoof…

Nach dem Finale abends tobt dann bei immerhertha.de die Diskussion: Wie kann es angehen, dass Schalkefans in „unserer“ Ostkurve platziert wurden (verlorene Heimrechtwahl hin oder her) und was bedeutet das? Die Community diskutiert aufgeregt. Und mir steht natürlich auch der Schaum vorm Mund. Wie soll man dort noch ordentlich Fußball gucken, jetzt, wo unser liebster Feind sich unsere heilige Kurve zum Untertan gemacht hat. Verdammt. Ich möchte am liebsten laut aufschreien: „Wer nicht hüpft, der ist ein Schalker – hey, hey, hey!“ Oder besser gleich zum Fenster hinaus laut und aggressiv in den Hinterhof intonieren: „Wir sind die Blauen, wir sind die Weißen, wir sind diejenigen, die auf die Schalker schei…!“ – das wird schon irgendjemand verstehen, im Hinterhaus. Oder?

Vierzig lange Jahre ist es nun mittlerweile her, ich selbst habe es gar nicht miterlebt, dass es den sog. Bundesligaskandal gab. Herthaspieler waren bestochen worden,  Schalkespieler auch. Der Herthaspieler Zoltan Varga wurde (höchst umstritten, weil der eigentliche Prozess zum Bestechungsskandal noch gar nicht stattgefunden hatte) vom DFB mit einer Vorsperre belegt, wollte das aber nicht akzeptieren und bekam vorm Berliner Landgericht Recht. Im anstehenden DFB-Pokalspiel (Dezember 1971) gegen Schalke 04 wurde er von Hertha also eingesetzt und führte sein Team zu einem 3:0-Sieg. Schalke legte Einspruch ein und beim DFB erkannte man eine gute Gelegenheit, dem „aufmüpfigen Berlin“ einen Denkzettel verpassen zu können. Also wurde dem Einspruch, oh sonderbarerweise, statt gegeben und das Spiel nachträglich „am grünen Tisch“ gegen Hertha gewertet. Schalke 04 zog in die nächste Runde ein und das, obwohl in der Schalker Mannschaft in diesem Pokalspiel nicht weniger als sieben Spieler zum Einsatz kamen, die selbst im Bundesligaskandal verwickelt waren. (Quelle: „Hertha und Schalke – eine exklusive Feindschaft“, Tagesspiegel online, 16.5.2009)

Für das blaue-weiße Berlin war dieser Moment so etwas wie die Initialzündung zum pauschalen „Hass-Modus an“, wenn es auf das Thema „Schalke 04“ zu sprechen kommt. Und ja, im weitesten Sinne wohl auch für eine latent aggressive und feindliche Gesinnung gegenüber dem DFB und seiner Sportgerichtsbarkeit, ob der zum Himmel schreienden Ungleichbehandlung.

Jetzt aber mal „Butter bei die Fische“ und auf zum großen Diskussionsblock: Sind die Schalker inzwischen wirklich so unwissend, warum Herthaner Probleme mit ihrem Verein (S04) haben oder tun sie einfach nur so? Ist diese (vermutlich) einseitige Fanfeindschaft noch zeitgemäß und „produktiv“ für den eigenen Verein (Hertha BSC) oder vergeuden wir damit nur unsere Energie? Welchen Wert hat es, im Stadion bei nahezu jedem Heimspiel Fangesänge gegen Schalke anzustimmen, obwohl Schalke gar nicht anwesend ist (letzte Saison nicht mal in unserer Liga spielte!) und Hertha vielleicht gerade Anfeuerung fürs eigene Spiel gebrauchen könnte? Gibt es eine Chance, dass sich die Herthafanseele in puncto Schalke je beruhigen wird?
Was ist dem gegenüber von Fanfreundschaften wie z.B. der zum KSC zu halten? Ist das wiederum noch zeitgemäß? Wie ist es um neue Freundschaften und Sympathien bestellt? Bahnt sich z.B. gerade etwas mit dem MSV Duisburg an, der den Aufstieg von Hertha sehr wohlwollend begleitet hat? Und künftig mit Daniel Beichler und Valeri Domovchiyski zwei uns bekannte Gesichter in seinen Reihen haben wird. Schreibt Eure Meinung.

Diskussion unter: immerhertha.de